Dicke Produktion, dünne Geschichte - Queen-Musical gastiert in Esch

Dicke Produktion, dünne Geschichte - Queen-Musical gastiert in Esch

Seit über zehn Jahren hält sich das Queen-Musical "We Will Rock You" im Londoner Westend - und noch ist kein Ende in Sicht. Zum Jubiläum geht die Crew auf Welttournee. Derzeit gastiert die Original-Produktion von Queen und Ben Elton zum ersten Mal in der Rockhal in Esch/Alzette.

Esch/Alzette. Pause nach dem ersten Akt, der Blick wandert durchs Foyer. Hier zwei ältere Damen mit Cremant in der Hand, dort ein langhaariger Metal-Fan mit "Wacken-Open-Air"-Kutte: Allzu oft dürfte sich die Abendplanung dieser drei exemplarisch ausgewählten Musical-Gänger nicht überschneiden.
"We Will Rock You" schafft die Verbindung. Da ist zum einen der Wacken-Faktor: Die Liveband, die sich routiniert-perfekt durch knapp zwei Dutzend Klassiker der legendären britischen Band spielt. Bis kurz vor Schluss der Zweieinhalb-Stunden-Show rockt sie unsichtbar hinter dem Bühnenbild - erst zum fulminanten Ende holen sich die Musiker den verdienten Applaus ab. Bei "We Will Rock You", "We Are the Champions" und bei der Queen-Hymne schlechthin, "Bohemian Rhapsody", bei der an manchem Abend auch Queen-Gitarrist Brian May selbst das Solo spielt; in Esch allerdings nicht. Eine Rockshow soll es schon sein. Lauter als andere Musicals, mit Herz für ausgiebige Gitarrensoli. Das klappt bestens - auch, weil die Rockhal dafür wie gemacht ist.
Auf der anderen Seite sorgt der Alles-so-schön-bunt-Faktor dafür, dass sich das von May und Queen-Schlagzeuger Roger Taylor sowie Comedian Ben Elton produzierte Musical auch nach über zehn Jahren tapfer im Londoner Westend hält.
Der größte Unterschied zwischen der in Esch gastierenden Original-Show und der deutschen Variante, die zwischen 2004 und 2008 in Köln zu Hause war und die seit wenigen Tagen in Essen aufgeführt wird: Die Aufführung des Londoner Ensembles ist - wenig überraschend - komplett in Englisch. Das Ergebnis ist schlichtes Entertainment, leichte Muse, aber hoch professionell auf die Bühne gebracht. Die knatschbunten Tanzchoreographien, die starken Gesangsleistungen und das unvermeidliche Gut-killt-Böse am Ende bedienen bewährten Musical-Standard, teilweise auch mehr als das.
Worum es eigentlich geht? "We Will Rock You" ist keine pathos-befeuerte Hommage an Freddie Mercury, den 1991 gestorbenen Sänger von Queen. Das ist die gute Nachricht. Die dünne Storyline, die Ben Elton stattdessen um die Queen-Songs gepinselt hat, erinnert aber an Malen nach Zahlen. Irgendwann in der Zukunft heißt die Erde iPlanet, regiert wird die traurige Kugel diktatorisch von der "Killer Queen" und ihrem Machtapparat, der Firma Globalsoft. Alle Gaga-Bewohner denken, schauen, hören, tragen, machen, sagen das Gleiche. Musikinstrumente sind verboten, Rockmusik ist in Vergessenheit geraten. Nur die Protagonisten Galileo Figaro (manchmal eine zu Spur zu plakativ: Mig Ayesa) und die sarkastische Außenseiterin Scaramouche (überzeugend: Lauren Samuels) und eine Gruppe von "Bohemians" stemmen sich gegen die Geschmacksdiktatur. Wie das Epos weitergehen wird, können Sie sich sicher vorstellen. (Genau: Die große Liebe zwischen Scaramouche und Galileo darf nicht fehlen, so viel Zeit muss die Welt schon haben.) Beim Humor setzt Ben Elton aufs Schrotgewehr - subtil geht anders, aber gelegentlich trifft er trotzdem.
Fazit: Ein unterhaltsamer Abend mit brillanter Liveband und überzeugenden Sängern. Das lässt die dürre Geschichte in den Hintergrund rücken. Das Premierenpublikum in Esch dankte es nach anfänglicher Zurückhaltung am Ende mit langem Applaus.
Aufführungen bis Sonntag, 21. April, täglich in der Rockhal Esch, 20 Uhr (Samstag/Sonntag auch 14 Uhr). Infos: www.atelier.lu.

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