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Die Ängste der dicken Schneeflocke

Die Ängste der dicken Schneeflocke

LUXEMBURG. Lange stand sie im Abseits. Inzwischen tourt die ehemalige Ostkunst durch die Welt. Eine ausgesprochene Bereicherung ist die Werkschau des Bulgaren Nedko Solakov im Luxemburger Casino.

Attraktive Billig-Urlaubsziele am Schwarzen Meer, dichte Wälder und eine Hauptstadt, die Sofia heißt: Auf dieses Kurzprogramm beschränkt sich das Wissen vieler über Bulgarien. Doch seit dem Fall des Kommunismus‘ im Osten Europas wird zumindest die bulgarische Gegenwartskunst im Westen zunehmend bekannt. Dabei ist ganz erstaunlich, was sich in Sofia entwickelt hat. Von dort kommt auch Nedko Solakov, der gelernte Maler, der inzwischen zum Crossover-Künstler geworden ist. "Crossover", weil der Künstler verschiedene Ausdrucksformen miteinander verschmelzt, also gleichzeitig malt, zeichnet, Installationen und Videos macht und die Zuschauer mit Interaktionen am Geschehen beteiligt. Nedko Solakovs Arbeiten sind dabei bunt, gefühlvoll und manchmal ein wenig pathetisch - ein bisschen wie das slawische Volkstum eben. Als einer von wenigen hatte "el Bulgaro" den Blick gen Westen bereits vor der Perestroika gewagt. Von 1985 bis 1986 hielt er sich zu einem Studienaufenthalt in Antwerpen auf. Im Jahr 1992 ging es dann richtig los: Neben unzähligen Ausstellungen bereiste Solakov als "Künstler in Residence" die ganze Welt - von Zürich bis ins japanische Kitakyushu. 1999 vertrat er sein Land bei der Biennale in Venedig. Jetzt widmet das Casino Luxemburg dem 1957 geborenen Bild-Erzähler eine Werkschau der letzten zwölf Jahre. Erzählen ist Solakovs eigentliche Kunst. Im riesigen Ausstattungstheater seiner Bilderwelten inszeniert er Ängste und Last des eigenen Lebens als die der ganzen Welt. "Fast alles macht mir Angst", gesteht der Künstler. Seine Flugangst, der er mit seiner Arbeit "Fear" zu Leibe rückt, ist dabei noch eine seiner geringsten Ängste. Schon beim Eintritt in Solakovs künstlerisches Panoptikum erfährt der Besucher mit Schrecken, dass die Welt nicht das ist, was sie zu sein scheint. "Die Wahrheit: die Welt ist platt" heißt denn auch die Installation im Foyer des Casinos. Als Beleg hat Solakov allerhand Bilder der Erdscheibe an die Wand gehängt, Globen halbiert und einen Müllberg von Erdballons hinterlassen, aus denen die Luft raus ist. Und natürlich fehlen - wie im richtigen Mediengeschäft - auch nicht die Expertenmeinungen. Dass der Kunst und ihm selbst die Interessenten ausgehen, scheint eine andere von Solakovs - durchaus verständlichen - Ängsten zu sein. Die Verbindung zu seinem Publikum stärken will er mit seinen "Landschaften mit fehlenden Teilen". Dabei müssen sich die Besucher mittels handgeschriebener Künstlernotizen selbst zusammenreimen, was auf den Gemälden nicht zu sehen ist. Überhaupt liebt Solakov es, sein Publikum mit Bilderrätseln zu beschäftigen. Dazu gehört auch, dass sich die Besucher bücken und recken oder in endlosen Texten verfransen müssen. Das spaßig-böse Spiel treibt der Bulgare auch mit sich selbst, wenn er als Heldentenor "el Bulgaro" oder als zentnerschwere Schneeflocke auftritt. Auch andere Künstler aus Europas Osten haben ihre Seelen bereits bildnerisch "entmüllt". Unübertroffen ist darin Solakovs russischer Kollege Ilya Kabakov. Dessen künstlerische Qualität und geistige Schärfe erreicht Solakov zwar kaum, höchstens in seiner Arbeit "Top Secret" mit Erinnerungen an den Überwachungsstaat. Was Solakov dennoch so sehenswert macht, ist sein Witz, seine Fabulierkunst, die urige Kraft seiner Bilder (wie das der "Neuen Arche Noah") und die Distanz, die er wie in der "Geschichte vom gelben Farbklumpen" zur eigenen Person und deren Kunst hält. Die Ausstellung ist bis 7. März von 11 bis 18 Uhr (donnerstags: 11 bis 20 Uhr, dienstags geschlossen) zu sehen. Infos unter der Telefonnummer 00352/229595 oder im Internet unter www.casino-luxembourg.lu