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„Die Angst ist noch gelegentlich da“: Musiker Andreas Kümmert über den ESC und das neue Album

„Die Angst ist noch gelegentlich da“: Musiker Andreas Kümmert über den ESC und das neue Album

Er hat mit seiner Stimme für Aufsehen gesorgt, dann mit einer spektakulären Absage. Am Donnerstag, 6. April, spielt Andreas Kümmert (30) in Trier. Im TV spricht er über eine schwere Zeit und ihre Aufarbeitung.

Zwischen Traum und Alptraum liegen nur drei Buchstaben, manchmal Welten - und manchmal nur Augenblicke. Etwa am 5. März 2015: Der deutsche Vorentscheid zum Eurovision Song Contest ist vorbei und entschieden. Andreas Kümmert, der kräftige Durchschnitts-Typ mit der außergewöhnlichen Stimme, gewinnt himmelhoch. Aber der strahlende Sieger strahlt nicht: "Ich bin nicht in der Verfassung, diese Wahl anzunehmen…" Kümmert gibt sein Ticket fürs ESC-Finale an die abgeschlagene Zweitplatzierte Ann-Sophie ab. Sie wird später in Wien den letzten Platz belegen, das nur nebenbei.

Kümmerts Verzicht gilt als eine der größten Überraschungen im Live-Fernsehen der vergangenen Jahre. Nur die Reaktion darauf fällt wenig überraschend aus. Buh-Rufe im Studio, ein wahrer Shit-Tornado in den sozialen Netzwerken. Die Boulevardpresse quirlt dankbar mit.

Gut zwei Jahre später. In den sozialen Netzwerken ist Andreas Kümmert noch vertreten, aber sein Management schaut inzwischen zuerst drauf. Es ist auch Selbstschutz. "Dummerweise habe ich die Reaktionen in den Tagen nach dem ESC-Vorentscheid noch verfolgt und darauf reagiert. Das ging nach hinten los", erinnert sich Kümmert im Telefonat mit dem TV. "Wenn ich mich gerechtfertigt habe, wurde es gegen mich verwendet. Deshalb habe ich es irgendwann gelassen, man resigniert."

Dabei ist der 30-Jährige nicht unnahbar. Nach den Auftritten unterhält er sich gerne mit den Zuschauern, gibt Autogramme, das dürfte auch am Donnerstag beim Akustikkonzert im Mergener Hof in Trier nicht anders sein. Den Begriff "Fan" mag er nicht so. Klingt zu abgehoben.

Die brutale Ablehnung, die Anfeindungen, alles was damals auf ihn eingeprasselt ist - es war eine sehr harte Zeit für den Sänger und Gitarristen. "Ich kann das absolut nicht nachvollziehen, aber es sagt viel über unsere Gesellschaft aus."

Einige Monate danach sprach Kümmert öffentlich über existenzielle Ängste ("Ich dachte, ich sterbe"), über Panikattacken und über das Paradoxon, einerseits als Musiker die Öffentlichkeit zu brauchen - und andererseits Angst vor ihr zu haben. Er ist nicht der erste bekannte deutsche Sänger, der seine Angststörung publik gemacht hat. Der Eifeler Nicholas Müller, jahrelang Sänger von Jupiter Jones und inzwischen bei Von Brücken, hatte ähnliche Erfahrungen gemacht. "Ich habe mich mit Nicki darüber unterhalten. Es ist schön, mit jemandem zu sprechen, mit dem etwas Ähnliches passiert ist", sagt Kümmert. "Die Angst ist bei mir noch gelegentlich da. Aber dank Therapie und Medikation habe ich das im Griff."

Auf dem Album "Recovery Case" hat der Songwriter mit der markanten Stimme die Erlebnisse von damals aufgearbeitet. Es sind persönliche Songs, die für Kümmert weiterhin emotionale Wucht haben, wenn er sie auf die Bühne bringt. Mal mehr, mal weniger. "Das hängt von der Tagesform ab", sagt der Franke, der 2013 mit seinem Sieg bei der Castingshow "Voice of Germany" bekannt wurde. "Wenn ich eine angeschlagene Grundstimmung habe, kommen mir die Stücke auf der Bühne noch näher. An einem guten Tag berühren mich die Stücke zwar auch, aber sie ziehen mich nicht runter. Das hat auch was Ehrliches. Ich finde es immer toll, wenn ich auf Konzerte gehe und die Künstler berührt sind von dem, was sie machen - näher kommt man an den Künstler nicht ran als in diesem Moment."

Kümmert ist ein Gegenentwurf zu den minutiös durchgetakteten Choreografie-Spektakeln, in denen jede emotionale Regung mühsam vor dem Spiegel einstudiert wurde. Seine Liebe zur Musik fand er früh - im Plattenzimmer seines Vaters. In der Jugend gehörten Nirvana, Pearl Jam und Guns ‘N Roses zu seinen großen Helden.

Was er eigentlich beim Eurovision Song Contest hätte ausrichten sollen - einer Veranstaltung, die noch nie im Verdacht stand, Authentizität auch nur buchstabieren zu können? Kümmert könnte der Wettbewerb jedenfalls nicht gleichgültiger sein. "Ich habe das Medium Fernsehen für mich schon vor Jahren abgeschafft. Den ESC habe ich vorher nicht geschaut und nachher auch nicht", sagt er. "Er interessiert mich auch nicht."
Andreas Kümmert - Donnerstag, 6. April, 20 Uhr, Trier, Mergener Hof (Rindertanzstr.)