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Die Ankunft als tänzerisches Seelendrama

Die Ankunft als tänzerisches Seelendrama

Eindrucksvoll, beglückend und groß in seiner Deutungstiefe kann Tanz sein. Einmal mehr war das jetzt im Theater Trier zu erleben. Dessen neues Tanzensemble, die Company Susanne Linke, gab dort mit der Produktion "Nemmokna" seinen Einstand. Standing Ovations und minutenlanger Applaus im vollen Haus begrüßten und belohnten die Künstler.

Trier. Sänger, die nichts im Kopf hätten, als ihre Singstimme, seien uninteressant, hat einmal der große Bariton Walter Berry festgestellt. Das lässt sich sinngemäß auch auf Tänzer und ihren Körper übertragen. Dass Tanz weit mehr ist, als die musikalisch gesteuerte Folge von Bewegungsabläufen, machte am Samstag eindrucksvoll das neue Tanzensemble des Theaters um Spartenchefin Susanne Linke erlebbar. In ihrer Tanztheater-Produktion "Nemmokna", die in Trier als Uraufführung Premiere hatte, wird Tanz zur beseelten wie sinnträchtigen Gebärdensprache.
Ein feinsinniges Psychogramm seelischer und geistiger Befindlichkeit, von Sinnsuche und -findung hat die Choreografin geschaffen. "Nemmokna" ist die rückwärtige Lesart des Wortes "Ankommen". Tatsächlich ist der Anlass der Produktion die Ankunft des neuen internationalen Ensembles, verstärkt durch zwei Gäste und einen Tanzeleven, am neuen Standort Trier.
Allerdings erzählt Susanne Linkes Tanzstück (Dramaturgie: Waltraut Körver) nicht die Geschichte einer konkreten Ankunft und lässt weder Koffer rollen noch setzt sie den Dom ins Bild. Der einzige Hinweis auf den Zielort ist ein Wortspiel gegen Ende, in dem der Wein, die Mosel und Triers Partymeile Zurlauben vorkommen.
Als existenzielles Ereignis, als Seelen- und Gemütslage nehmen die Choreografin und ihre Tänzer das Motiv der Ankunft aus der Zeit und lösen es von einem bestimmten Ort. Damit erlangt es Allgemeingültigkeit. In der Umkehrung des Wortes steckt die ganze Ambivalenz des Ereignisses, der Zauber des Neubeginns genauso wie seine Unsicherheit, der Zugewinn genauso wie der Verzicht. Linkes Ankunftsort ist der Ort des Menschen selbst, sein Leben zwischen Kommen und Gehen. Hier zeigen ihre ausdrucksstarken Tänzer über ihre Bewegung hoffnungsvolle Erwartung, Vorfreude, Bangen und Trennungsschmerz.
Dazu hat Alfred Peter, der auch die Ausstattung übernommen hat, die Bühne als Black Box des Seelenraums eingerichtet, deren Dunkelheit die Vielfarbigkeit der Figuren erst richtig zum Leuchten bringt. Orchestriert wird das im Tanz veräußerte Seelenleben aus Annäherung und Fremdheit durch das musikalische Arrangement von Wolfgang Bley-Borkowski, der Musik von Richard Wagner, Pink Floyd, John Coltrane und anderen zu einer stimmungsvollen kontrastreichen Textur verdichtet. Als Klangereignis kommen die kessen Lautgedichte von Mareike Franz dazu. Unterstützt von Kai Kolodziejs sensibler Lichtregie hält Susanne Linke das Geschehen delikat in der Schwebe zwischen Tag und Traum.
Dass Ankunft Erwachen bedeutet, vielleicht aus einem anderen Traum, macht gleich das Eingangsbild klar. Aus der nebeligen Dämmerung löst sich eine Frauengestalt, die langsam erwacht. Geräusche des Tages mischen sich in die traumverlorene Musik. Schlaftrunken taumeln weitere Gestalten auf die Bühne. Dem Traumland scheinen auch jene anderen Figuren mit ihren Halskrausen und fantasievollen Kostümen zu entstammen, die an alte Märchen erinnern.
Susanne Linke ist eine Choreografin absoluter Präzision. Auch in der wunderbaren Bewegungslyrik von "Nemmokna" sitzt das kleinste Zucken. Linkes junge Tänzer schaffen mittels Geste und Bewegung Raum, greifen und besetzen ihn mit ihren zuweilen geradezu zu Skulpturen verwundenen Gliedern. Die Berliner Choreografin geht nicht nur gekonnt mit dem Bühnenraum um. Ihre Inszenierung hat sinfonische Qualität mit ihren dicht verfugten Einzelthemen, ihren Gruppenbildern, ihren Pas de deux und kleinen Soli, die immer wieder zum Ganzen, zur großen alles vereinenden Geste zusammenfinden.
Und damit nicht bodenschwer wird, was hinlänglich bedeutsam ist, fehlen auch das nötige Quäntchen Witz und feine Ironie nicht. Etwa wenn zur finalen Willkommensparty der Bühnenhimmel Sternenstaub verstäubt, der mit den Tops der Damen um die Wette glitzert.
Weitere Termine: 5., 13., 14., Februar, 8. März, 10. April, 15. April. Karten an der Theaterkasse, Telefon 0651/718-1818, und auf teatrier.de/karten