Die Armee der Stille wächst

Die Armee der Stille wächst

WITTLICH. In der Biologie unbekannt ist die Gattung Pflanzenmensch. Doch Kunst schafft eigene Welten. Der chinesische Künstler Ren Rong bevölkert sein Universum mit Pflanzenmenschen und lässt sie als allgegenwärtige Weltverbesserer nicht nur auf den Betrachter los. Gleich einer stillen Armee erobern sie seine Bilder und Skulpturen und machen friedlich Quartier in Wittlich.

"Berichte aus Beijing" ist der Untertitel zur Ausstellung. Beijing, alias Peking, liefert neue Nachrichten. Und die hat Ren Rong "gemacht", geboren in der Volksrepublik China. Heute lebt und arbeitet er in Deutschland und Beijing. Was berichtet er zwischen 1997 und 2005 aus China, Volksrepublik, Land der Mauer, der Massenproduktion, des Kommunismus, auch der tönernen Krieger-Armee eines Kaisers? Heiter-verschwörerische Notizen hat er übermittelt, doppelbödige Bilder gemacht, poetische Werke, die in der Wittlicher Schau zur stillen Armee werden. Sie hat ihre friedliche Invasion längst begonnen. Sein Thema hat der Künstler konsequent in Wiederholung und Variation durchgespielt. Jede Arbeit "funktioniert" für sich, kann aber kein Einzelstück bleiben - dank künstlerischen "Gruppenzwangs". Die betörend beschwingte Linie, die jede der monochromen Phantasiegeschöpfe in der Fläche bannt, ist in jedem Umriss individuell und zeigt dennoch Merkmale der Familie, die sich ringsum breit macht: Die biegsamen, rankengleichen Glieder, die wie bekrönten Köpfe im Profil mit offenen Lippen, die stumm bleiben. Es ist jedoch ein vitales Schweigen. Und die künstlerische Mischnatur scheint unbestechlich mächtig, folgt keiner Ideologie, sondern geht im künstlerischen Universum omnipräsent auf Eroberungstour. Dabei lässt das "Pflanzenhafte", naturgemäß vorbehaltslos neutral, auch den eigenen Schöpfer nicht aus, der sich im ironischen Selbstporträt mit einer Art Halskrause aus Pflanzenmenschen zeigt: Wie Zauberlehrlinge oder wie Jubelvolk? Wie souverän Ren Rong einfach auf die grafische Schönheit der Silhouette setzt, das zeigen nicht nur seine Skulpturen, sondern besonders die Papierschnitte. Ein Henri Matisse, der in dieser Technik charismatische Werke schuf, hätte sicher seine Freude an der schlichten Kraft der Arbeiten. Inhaltlich setzt der zeitgenössische Künstler ganz andere Schwerpunkte. Im Werk Ren Rongs erobert systematisch ein Element der künstlerischen Phantasie die Bilderwelt wie eine anarchistische Brombeerhecke. Respektlos und auch wie Symbole einer fremden Sinnenfreude wachsen die Pflanzenmenschen überall. Sie pflanzen sich fort, erobern leidenschaftlich Stadtpläne, wachsen als Meta-Zeichen über Zitate ihrer selbst, gehen in die Politik: Sie überwuchern den Bundestag. Aber sie sind auch sich selbst genug, besonders in den quasi in die Luft geschnittenen Skulpturen. Und ihre asiatischen Wurzeln leben: in hinterlegten Zeichen, Fotos, als "China-Lack" oder dem Drachen-Motiv. Dessen skelettartigem Kopf entweicht eine Pflanzenmenschen-Zunge. Die Arbeit heißt: Neues Leben. Eine Revolution entlässt ihre Bilder.