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Weltkulturerbe: Die ewige Baustelle: Trierer Kaiserthermen bleiben auf Jahre hinweg Betätigungsfeld für Restauratoren

Weltkulturerbe : Die ewige Baustelle: Trierer Kaiserthermen bleiben auf Jahre hinweg Betätigungsfeld für Restauratoren

Kaum angefangen, schon verändert, mehrfach umgenutzt und später dem Verfall preisgegeben: Die Kaiserthermen in Trier sind der älteste Rohbau Deutschlands. Auch heute noch wird in der römischen Badeanlage gebaut – mit ähnlichen Materialien wie vor gut 1700 Jahren.

In 19 Metern Höhe setzt der Maurer Stein neben Stein in die Verschalung. Dazwischen füllt er Mörtel. Zig dieser schmalen Ziegelsteine benötigt er, um den Fensterbogen fertigzustellen. Das Material hieven die Kollegen per Seilzug hinauf auf das hölzerne Gerüst. Der präzis gefertigte Fensterbogen aus Anfang des 4. Jahrhunderts ist längst eingestürzt. Nur der unterste Bogen des Caldariums (Warmwasserbad) der Trierer Kaiserthermen hat der Verwitterung standgehalten. Seitdem waren zahlreiche Kollegen in Triers ältestem Rohbau zugange, zuletzt 1983/84, als die fünf Bögen der Caldarium-Apsis rekonstruiert wurden.

Nun steht erneut ein Gerüst an der Wand, 1000 Quadratmeter groß. Gewaltig wirkt es, nicht nur, weil es zum Großteil abgedeckt ist. "Die Breite gibt dem Gerüst Stabilität", erklärt Sascha Schober, beim Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) zuständig für die Denkmalpflege von Kaiser- und Barbarathermen. Denn das schwere Metallgerüst habe keine Verankerung im Mauerwerk.

In antiker Zeit sind die Gerüste aus Holz. Teils stehen sie auf dem Boden, parallel zur Mauer. Teils gibt es nur eine Lauffläche in luftiger Höhe. Beide Gerüstarten sind, wie das auch heute meist gemacht wird, in der Wand verankert. "Die Löcher sieht man heute noch", sagt Georg Breitner, bei der Generaldirektion Kulturelles Erbe (GDKE) zuständig für die Trierer Unesco-Welterbestätten, zu der die Kaiserthermen seit 1986 zählen. "Sie wurden mit Mauersteinen zugesetzt, um bei einer Sanierung erneut ein Gerüst stellen zu können."

Bauen auf antikem Kulturschutt

Zurück in die Antike: Als - vermutlich - Kaiser Konstantin die Thermen in 200 Metern Entfernung zu seinem Palast bauen lässt, hat er ein Problem, das heutige Investoren in der Innenstadt kennen: "Er plante nicht auf der grünen Wiese, sondern auf bebautem Gebiet", sagt Breitner. In der Nähe des Palastes heißt das: hochrangige Wohnbebauung. "Wir haben keine Informationen, wie die das rechtlich gemacht haben, ob sie etwa enteignet haben, oder ob die Gebäude teilweise öffentlich, etwa die eines Prokurators waren."

Als in den 1960er Jahren in der Palästra gegraben wird, finden Archäologen ein ausgedehntes Wohnhaus mit umbautem Hof, Mosaiken, Malereien und Bädern. Selbst in den Kelleranlagen gibt es einen Kryptoportikus, einen Säulengang. "Eine Rarität", sagt Breitner. "Xanten hat das nicht, in Trier ist das häufiger." Was wohl mit dem leichten Gefälle vom Fuße des Petrisbergs bis zur Mosel zu tun habe. Und damit, "dass es hier ein unheimlich großes Vorkommen von verfügbarem Baumaterial gibt". Wie Kies, Schiefer, Lehm für Ziegel, Diabas aus dem Ruwertal, Sand- und Kalksandstein.

Für die Kaiserthermen wird das Gebäude abgerissen, die Keller verfüllt, das Gelände eingeebnet - antiker Kulturschutt. "Vorhandene Schächte wurden weiter genutzt", sagt Breitner. Auf den Freiflächen werden Mauern hochgezogen. "Wir wissen, dass es exakte Pläne gab mit Detailzeichnungen." Gelände und Bau werden genau vermessen. 25.800 Quadratmeter Grundfläche misst die Anlage, das entspricht 3,5 Fußballfeldern. Allein das Mauerwerk umfasst 18.000 Quadratmeter. "Die Maßverhältnisse waren fest definiert: ein römisches Fuß", sagt Breitner. Circa 29,6 Zentimeter. "Es gab für jedes Fenster, jede Wandstärke eine feste Proportion." Und auch die heutigen Gewerke existieren, ebenso die Werkzeuge, wenn auch aus anderem Material wie Holz oder Bronze.

Besucher erfahren, wie Römer gebaut haben

GDKE und LBB machen aus der Not eine Tugend und greifen die Restaurierungsarbeiten didaktisch auf. Schaubilder verdeutlichen, wie zurzeit der Römer und speziell in den Kaiserthermen gebaut wurde. Die Mauern der Kaiserthermen sind massiv und bestehen aus Bruchstein und Ziegel. "Es gab Verschalungen aus Holz, wie heute", weiß Breitner. Auf die Mauer kam Putz, dann eine Schicht mit Ziegeln als Isolierung, dann wieder Mörtel und zuletzt die Verkleidung, etwa mit Marmor, Prophyr- oder Diabasplatten. "Außer der Elektrizität war beim Hausbau in der Antike alles vorhanden, was es heute noch gibt, inklusive der Wasserver- und -entsorgung."

Bekannt ist, dass die Kaiserthermen nie vollständig fertiggestellt wurden. Ob jemals ein Mensch darin gebadet hat? "In den unteren Gängen haben wir Rußspuren gefunden", sagt Breitner. "Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Heizung in Betrieb war." Dennoch stelle sich die Frage, ob es sich nur um Bauabschnitte handele. "Sicher wissen wir: Es gab eine Unterbrechung und eine Änderung." Das ist an einigen Stellen sichtbar, wo sich Mauern schneiden. "Diese zweite Bauphase wurde im späten 4. Jahrhundert fertiggestellt."

Breitners Theorie: "Die Anlage war für das Volk gedacht." Denn sie sei auf das Forum ausgerichtet und habe wenig Kontext zum Palast. "Vielleicht war es eine repräsentative Erweiterung des Forums. Das Gebäude hatte städtebaulichen Wert. Die Nutzung als Kaserne ist mir da zu wenig."

Die zweite römische Bauphase ist nicht letzte in den Kaiserthermen. Ab dem 6. Jahrhundert wird das Caldarium als Burg genutzt und im 12. Jahrhundert Teil der Stadtmauer. In der Palästra entstehen die Kirche St. Gervasius (um 1100), das Agnetenkloster (1295) und später eine Gerberei. Im Mittelalter sind die römischen Rohbauten Vorreiter - wird doch der Frankenturm im 11. Jahrhundert im gleichen Stil erbaut. Erst das 19.Jahrhundert wird auf den antiken Schatz aufmerksam. Erste Grabungen setzen ein, erste Restaurierungsversuche.

Denkmal auf der Intensivstation

Nun steht erneut eine Sanierung an. "Wir haben seit 2010 jede Fläche erfasst und ein archäologisches Raumbuch erstellen lassen", sagt Schober. Sämtliche Befunde sind eingezeichnet: jeder Ziegel, Dübel, jede Klammer, jedes Gerüstloch. Auf den mehr als 800 Plänen ist zu erkennen, welche Abschnitte aus der ersten römischen Bauphase und welche aus der römischen Umbauphase stammen. Die mittelalterlichen Umbauten sind eingezeichnet und die insgesamt neun Restaurationsphasen zwischen 1866 und 2011. Die Schwierigkeit, so Schober: "Wir müssen für jeden dieser Bereiche unterschiedliche Maßnahmen finden."

Und das wird erst auf Musterflächen ausprobiert. Eine ist schon fertig, ein einst maroder Ziegelbogen. Dort wurden zuerst Flechten und Moose per Hand vom Gemäuer abgewaschen, dann über Röhrchen Mörtel in Ritzen gespritzt, zuletzt die Ziegel verfugt. Schober: "Die Kaiserthermen sind ein Denkmal auf der Intensivstation."

Jetzt ist eine Mauer des Caldariums dran, die in den 1930er Jahren verblendet wurde. Diese einst schützende, knapp zehn Zentimeter dünne Schale ist nun marode und soll abgetragen, die römische Mauer darunter saniert werden. "Wir tauschen Steine aus und sanieren die Fugen", sagt Breitner.

"Wir haben versucht, ähnliche Materialien zu finden, wie die Römer verwendet haben, und gezielt grobe Ziegel herstellen lassen", sagt Schober. Diese werden nun im Labor getestet auf ihre Belastung und Frostsicherheit. "Erst dann können wir die Herstellung ausschreiben lassen." Der Kalkmörtel ähnelt in seiner Zusammensetzung dem römischen und ist versetzt mit kleinen Kieseln, Ziegel- und Schiefersplittern. Auf der Musterfläche überprüfen die Fachleute das Gemisch, die Verarbeitung und die Optik. Und die soll auch 19 Meter über dem Boden stimmen.

Dieser Mörtel braucht mehrere Tage bei mindestens fünf Grad Celsius, um richtig abzubinden. Sonst wird er bröselig. Daher kann im Winter nicht weitergearbeitet werden. Die Sanierung der Verkleidung beginne im Frühjahr 2017, sagt Breitner. Bis Ende kommenden Jahres sollen die Arbeiten beendet sein, dann kommt das Gerüst wieder weg.

Denkmäler sind nicht für die Ewigkeit gebaut, sie müssen saniert und restauriert werden. "Wir werden nie fertig sein." Und so werden auch kommende Generationen am ältesten Rohbau Deutschlands weiterarbeiten.

Mehr Infos gibt's online unter
volksfreund.de/weltkulturerbe
Extra Phasen der Restaurierung

2010-2016: Vorbereitende Bestandsaufnahme, Schadenserfassung und Restaurierungskonzept, Kosten: 1,5 Millionen Euro.
2014-2019: Notsicherung, Restaurierung und Herrichtung der Außenanlagen Caldarium (Warmwasserbad). Kosten: 2 Millionen Euro.
2020-2024: Sanierung und Sicherung Tepidarium (Warmluftbad).
2026/circa 2028: Sanierung Frigidarium (Kaltbad), Palaestra, Keller. mehi
Extra anschauen

Weltkulturerbe: Die ewige Baustelle: Trierer Kaiserthermen bleiben auf Jahre hinweg Betätigungsfeld für Restauratoren
Foto: Mechthild Schneiders
Weltkulturerbe: Die ewige Baustelle: Trierer Kaiserthermen bleiben auf Jahre hinweg Betätigungsfeld für Restauratoren
Foto: Mechthild Schneiders

Adresse: Kaiserthermen Trier, Weberbach 41, Telefon 0651/4362-550.
Öffnungszeiten: täglich November bis Februar, 9-16 Uhr, März, 9-17 Uhr, April bis September, 9-18 Uhr, Oktober, 9-17 Uhr. Letzter Einlass 30 Minuten vor Schließung.
Die Anlage ist bedingt mit Rollstuhl befahrbar. Die unterirdischen Gänge sind aufgrund ungleichmäßiger Steigungen nicht erreichbar.
Erlebnisführung: "Tödliche Intrige" ist die jüngste der Schauspielführungen durch Triers Unesco-Weltberbe. Kaiser Konstantin lässt neben seinem Palast eine prächtige Badeanlage für die Bürger errichten. Sein Baumeister Nubius fürchtet um sein Leben, denn der frühere Sklave hat den Mord an Konstantins Gemahlin heimlich beobachtet. Nun nimmt Nubius seinen Gäste mit auf eine Reise durch die gesellschaftlichen Schichten und die Baukunst der römischen Geschichte.
Ab 1. April bis 28. Oktober, immer samstags, 16.30 Uhr. Erwachsene 13,90 Euro, Kinder (6-18 Jahre), Schüler, Studenten 9,90 Euro, Familien 35 Euro. Karten: Telefon 0651/97808-0, E-Mail info@erlebnisfuehrungen.de mehi