Kultur: Die Frau von der Spree verlässt das Theater Trier

Kultur : Die Frau von der Spree verlässt das Theater Trier

Zum Abschied blickt Susanne Linke auf ihre dreijährige Tätigkeit als Chefin der Tanzsparte am Theater Trier zurück.

Flott mit dem Fahrrad unterwegs trifft man sie sonst in der Stadt. Heute kommt Susanne Linke zu Fuß aus dem Theater und nimmt Kurs aufs Asterix, dem sozusagen externen Stützpunkt der Theaterleute. Mit der Schirmmütze, die sie gegen die brennende Sonne schützt, hat sie etwas zeitlos Kesses, geradezu Widerständiges. Genau das, was bei aller Schönheit auch ihren Choreografien innewohnt.

Wir setzen uns an einen Tisch an der Straße. Abschied ist angesagt. Zum Spielzeitende verlassen die Chefin der Tanzsparte und ihre Company Susanne Linke das Haus, nachdem Linkes Vertrag nach drei Jahren nicht verlängert wurde. Zeit, Rückblick zu halten und Bilanz zu ziehen.

Die renommierte Tänzerin und Choreografin, die längst als Ikone in die Geschichte des deutschen wie internationalen Tanztheaters eingegangen ist, blickt zurück ohne Zorn, wohl aber mit nüchternem Blick. Traurig verlasse sie Trier, bedauert die Künstlerin. Schließlich gehe es nicht allein um ihre Person. „Es geht um die Gruppe und den geistigen Zusammenhalt, den wir haben und der jetzt zerschlagen wird, wenn jeder in eine andere Richtung geht“.

Mit verbalen Schnörkeln hält sich die 1944 geborene Berlinerin nicht auf. Es sei in ihrem Alter eine unerwartete Chance gewesen, noch einmal ein eigenes Ensemble aufzubauen, erklärt Linke mit hauptstädtischer Direktheit. Leicht hatte es sich die zierliche Frau nicht gemacht, als sie sich in einem Berliner Café mit Intendant Karl Sibelius traf und der designierte Theaterchef ihr die Spartenleitung anbot. Lange habe sie mit ihm darüber diskutiert, ob ihr Tanztheater wirklich das Richtige für Trier sei. „Ich habe ihm sogar erstmal abgeraten“, lacht die zierliche Frau. Und fügt hinzu, was auch Grundprinzip ihrer künstlerischen Arbeit ist: „Man muss Abstand von sich nehmen, es geht ja nicht nur nach meinem Geschmack“.

Zur Verstärkung war später ihr Partner Urs Dietrich dazu gekommen (auf dem Fahrrad versteht sich). Schließlich kam man überein, es mit Unterstützung von Spartenmanagerin Waltraut Körver gemeinsam zu versuchen. (Die ist inzwischen auch im Asterix eingetroffen.)

Alle Zweifel sind ausgeräumt, als Linke zum ersten Mal die Trierer Bühne sieht. „Ich habe die hohe große Bühne gesehen und den Zuschauerraum, die Kernzelle jedes Theaters und war begeistert“. Sogleich reiht sie sich unter die Abrissgegner ein. Dass alles etwas altmodisch wirkt, findet die Hauptstädterin frei nach Berliner Schnauze „geil“. Das Glück hält vorerst an. Die Sparte bekommt komfortable neue Probenräume im Walzwerk. Die Stadt mit ihrer fantastischen historischen Bausubstanz und der südlichen Anmutung hat es der Frau von der Spree ebenso angetan wie der gute Wein und die freundlichen Menschen. Erfreut ist Linke zudem von der künstlerischen Qualität, die Sibelius und seine Spartenleiter präsentieren.

Ein Schlüsselerlebnis sei der „großartige Molière“ gewesen, erinnert sie sich, eine Schauspiel Inszenierung des isländischen Regisseurs Thorleifur Örn Arnarsson. Mit Beifall werden auch die Stücke des Tanztheaters aufgenommen. Das ungetrübte Glück währt nur kurz. Bereits nach eineinhalb Jahren trennt sich die Stadt von Sibelius. Abonnenten waren abgesprungen, Budgets überzogen. Auch das Tanztheater sieht sich fortan dem Vorwurf ausgesetzt, zu wenige Besucher zu liefern.

Vehement wehrt sich Linke gegen solche Kritik: „Es ist völlig normal, dass es erstmal einen Einbruch gibt, wenn nach 10 Jahren ein neues Ensemble kommt“. Etwas Neues nachhaltig aufzubauen, brauche in allen Sparten drei bis fünf Jahre, betont die Tanztheaterchefin, erst recht in der eher schwierigen Tanzsparte. „Wir haben gleichwohl von Anfang an viele aufgeschlossene, zustimmende Besucher im Publikum gehabt“, betont Linke. Das sei ebenso wichtig wie die Zuschauerzahl. Ohnehin sei bedauerlich, dass in erster Linie über Quantität statt über Qualität diskutiert werde. „Tanztheater muss wie alle Kunst Biss und einen kritischen Ansatz haben“.

Was überdies die vermeintlich schlechte Auslastung angehe: Ein Nachteil sei, dass dem Theater ein übliches kleinen Haus mit rund 300 Plätzen fehle. Erst mit einem realistischen Platzangebot könne ein aussagefähiger Auslastungswert erstellt werden. Im übrigen habe sich die Sparte immer wieder um kleinere alternative Spielstätten wie die Viehmarktthermen bemüht. Völlig unhaltbar bleibt für Linke und Körver der Vorwurf, das Tanztheater sei nicht bereit gewesen, spartenübergreifend zu arbeiten. Beide verweisen auf Produktionen wie Hannes Langolfs choreografischen Beitrag zur Oper „A Midsummer Night’s Dream“ oder zur Operette „Die Csardasfürstin“, sowie die vom Ensemble aufgebaute „Junior Group“. Wie bei allen Sparten hätte zudem der Sparzwang Produktionskürzungen und damit Zuschauerverluste bewirkt.

Dass sich die Trierer Tanzsparte unter Susanne Linke und ihrem Team dennoch ein Stammpublikum und sogar einen Fanclub erarbeitet hat, zeigt zuletzt eindrücklich ihre Abschiedsgala. Die Choreografin sieht sich bestätigt: „Ich habe die Begeisterung beim Publikum erlebt“. Ihr Konzept sei aufgegangen, internationale Choreografen ins Haus zu holen, um sie mit dem ebenso internationalen Ensemble und den Zuschauern zusammenzubringen, darunter Hannes Langolf, David Hernandes und nicht zu vergessen Urs Dietrich als Artist in Residence. Das Ergebnis sei eine enorm produktive künstlerische Arbeit gewesen – so Linkes Resümee.

Und sonst? Etwas mehr Diskussionsbereitschaft und Offenheit in Sachen Kunst hätte sich die scheidende Spartenleiterin mancherorts gewünscht. Zudem eine Qualitätsdebatte, die Akzeptanz differenziert sieht.

Linkes Inszenierungen sind von Ausdrucksstärke geprägt. Foto: TV/OLIVER LOOK

Eins steht für die Künstlerin fest, die mit ihrem berühmten auch in Trier gezeigten „Ruhrort“ einst erst die Theaterwelt skandalisierte und dann eroberte: „Tanztheater muss vielschichtig sein. Es muss berühren, beunruhigen, vielleicht sogar schockieren“. Alles müsse möglich sein. „Mit Friede, Freude, Eierkuchen ist es nicht getan. Ich habe erlebt, dass meine härtesten Stücke am längsten im Gedächtnis blieben“.

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