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Die freiwillige Flucht ins Exil

Die freiwillige Flucht ins Exil

TRIER. Der Fluchtpunkt für Freunde der Nische und alle Mainstream-Gelangweilten: Das Trierer Exhaus gehört mit jährlich gut 100 Konzerten aus fast allen Stilrichtungen zum echten Schwergewicht in der regionalen Kulturszene. Dabei gibt es weit mehr als nur Jugendkultur.

Montagabend, ein kleiner Zauber flirrt durch den Exhaus-Keller. Das kleine "Exil" ist gut gefüllt. Sanfte Klänge sind angesagt. Die vier Schwedinnen von Audrey sind auf Europatour. Scheu und sympathisch, mit zarter Melancholie. Keine Gitarrenwand, keine Krachorgie. Schlagzeugerin Rebecka und Bassistin Emelie werden gebrochene Herzen zurück lassen, nicht nur in Trier. Cello, warme Gitarre, mehrstimmiger Gesang. Vielleicht werden sie damit groß rauskommen. Sie würden sich an das Exhaus erinnern. Zwei Tage verbringen Audrey in Trier. Nett sei es hier, haucht Rebecka beim Auftritt. Die Nächte verbringen sie nicht im schicken Hotel. Übernachtet wird in Trier-Nord, im Exhaus. Dort gibt es zwei Schlafräume für Bands. Einfach-Unterkunft mit Duschmöglichkeit. Familiär. Ohne Schnickschnack, für den Hotelführer Sterne verteilen. Aber auch das gehört zum Tourleben - und dass man in der fremden Stadt überhaupt ein Bett gestellt bekommt, ist schon Luxus für viele Bands. "Viele auswärtige Bands sind froh, dass sie nicht noch nach einem Auftritt fahren müssen und zudem Hotelkosten sparen", sagt Martin Schümmelfeder vom Exhaus-Kulturbüro. Das Exhaus ist ein wesentlicher Bestandteil der regionalen Kulturszene, nicht nur der Jugendkultur. Das alte Klischee "Exhaus = Jugendzentrum = Punk" passt längst nicht mehr. "Das war in den 80ern vielleicht mal so", findet Schümmelfeder. Alles Vergangenheit. Die Gegenwart im Exhaus ist anders, vielschichtiger: Da gibt es noch Punk-Konzerte, etwa an Karsamstag. Aber eben auch Indierock. Reggae-Festivals wie das "Raggalution". Metal in allen Spielarten. Nicht zuletzt auch Hip Hop, Elektro oder Techno. Dazwischen gibt es auch mal Lesungen (wie etwa von Konzertveranstalter-Legende Fritz Rau am 27. Juni) oder Auftritte von Liedermachern. Alle Richtungen jenseits des Mainstreams

Zum Konzept gehört auch Kompromisslosigkeit. "Wir machen nichts, was uns selbst nicht gefällt. Das sind teilweise Liebhaber-Konzerte", sagt Kulturbüro-Mitarbeiter Rino Dzur (25), selbst Musiker, der auch Audrey nach Trier lockte. Mit diesem Idealismus - ohne gelegentliche Mainstream-Anbiederung - können kommerzielle Veranstalter kaum überleben. Auch das Exhaus will Gewinn machen. Aber wenn man bei einem Konzert "null auf null" rauskommt, ist das auch okay. Rund 100 Konzerte gibt es im Jahr, dabei spielen etwa 400 Bands. Viele davon werden vom Exhaus-Kulturbüro selbst organisiert, zudem einige regelmäßige Partys (u.a. Disco Destruction, Visions-Party) einige von externen Veranstaltern. "Wir haben noch wesentlich mehr Anfragen von Bands und Agenturen", sagt Schümmelfeder. Die Ausrichtung sei klar: "In Trier ist der Mainstream gut abgedeckt. Aber die alternative Szene macht sonst keiner." Die technische Austattung könnte dabei laut Schümmelfeder besser sein. Im Exhaus gibt es dabei gleich fünf Auftrittsorte: die Sommerbühne für Open Airs, das große Exil (bis 500 Zuschauer), der etwas kleinere Balkensaal, das kleine Exil sowie das Cafe Exakt und die Turnhalle, wobei in Letzteren nur gelegentlich Bands auftreten. Die zugkräftigste Nummer dürfte das Summerblast-Festival werden - am 15./16. Juni spielen dann gut zwei Dutzend Metalcore-Bands auf der Sommerbühne und im Exil. Im Vorjahr kamen 1500 Zuschauer.