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Die Geschicht' von der Moral

Richard David Precht und wie er die Welt sieht: Das ist oft unterhaltsam, meistens lehrreich und nicht immer leichte Kost. TV-Foto: Frank Göbel
Richard David Precht und wie er die Welt sieht: Das ist oft unterhaltsam, meistens lehrreich und nicht immer leichte Kost. TV-Foto: Frank Göbel
Bitburg. Ist der Mensch im Grunde ein herzensgutes Wesen? Und wenn nicht: Was hindert ihn? Das ergründete der Philosoph, Autor und Moderator Richard David Precht in Bitburg. Frank Göbel

Bitburg. 875 Zuschauer - so viele sind in die Stadthalle gekommen, um den Auftritt des Philosophen Richard David Precht zu erleben. Der erörterte im Rahmen des Eifel-Literaturfestivals die Frage, ob der Mensch in seinem Kern gut oder schlecht ist und was ihn, je nachdem, davon abhält. Und weil die Zuhörerschaft groß genug für Statistik sei, fordert der 47-Jährige gleich zum kollektiven Gedankenexperiment auf: An einem Bahngleis droht ein führerloser Waggon fünf Arbeiter zu überrollen. Wer würde eine Weiche so stellen, dass "nur" ein anderer Einzelner getötet wird? Während im Mittel drei Viertel der Befragten das tun würden, spricht sich in Bitburg nur knapp die Hälfte dafür aus. "Das könnte am Katholizismus liegen", mutmaßt Precht. Und wer würde einen dicken Mann vor den Zug stoßen, wenn dessen Tod den Zug aufhält? Werde dieser Test in anonymer Atmosphäre durchgeführt, spräche sich etwa ein Fünftel fürs strategische Schubsen ein, erklärt Precht. In der Stadthalle heben sich jedoch nur zehn Hände, was einige Thesen Prechts zu belegen scheint: In der Horde sind wir auf das Bild bedacht, das wir für unser Umfeld abgeben. Wer sich sozial kontrolliert fühlt, möchte weniger gerne als kaltblütiger Schubser erkannt werden. Und: Dient es einem, vielleicht auch nur vermeintlich, höheren Ideal, geht der Mensch weniger zögerlich über Leichen, wenn er sich dazu die Hände nicht allzu schmutzig machen muss. Dass das so ist, haben unter anderem die berühmten Stromstoß-Experimente von Stanley Milgram bewiesen, die Precht in seinem frei gehaltenen, aber nicht immer stringenten Vortrag ebenso erwähnt wie allerlei andere Vesuchsanordnungen, in denen Affen, Studenten oder Banker belohnt, gedemütigt oder zum Verrat gebracht werden.
Angst vor der Abweichung


Etwas befremdlich wird es, als auch noch das mörderische Wüten deutscher Nazis in Polen 1942 wie ein soziologisches Experiment geschildert wird ("500 Beamte stehen in Reih\' und Glied, nur zehn treten heraus und weigern sich"). Immerhin zeigt diese grauenhafte Episode auf, welche Konsequenz droht, wenn die Angst vor der Normabweichung auf eine ausgehöhlte Moral trifft.
Solcher Schrecken lauert für Precht nicht nur in der Vergangenheit: Am Ende warnt er vor der weiteren Öffnung der sozialen Schere und spricht sich für ein stärkeres gesellschaftliches Engagement aus. Für den kurzweiligen, wenn auch nicht immer tiefschürfenden Auftritt erhält er schließlich redlich verdienten Applaus.