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Die Geschichte der Zukunft bewahren

Die Geschichte der Zukunft bewahren

Was müssen künftige Generationen über unsere Zeit wissen? Archivare debattieren in Trier.

Trier Bei Archivaren denkt man an Staub, Akten und fensterlose Kellerräume. Klischees, die - wie so oft, wenn überhaupt - nur einen winzigen Teil der Wahrheit widerspiegeln. Zwar mag manch staubige Akte im Keller stehen. Doch ist der Job keineswegs so mausgrau trocken, wie das Klischee ihn zeichnet.
Haben Archivare doch eine Macht, von der die meisten Nicht-Archivare nichts ahnen: Sie entscheiden, welches Bild der Gegenwart in der Zukunft zu sehen sein wird. Sie halten Geschichte fest. Denn sie wählen aus, welche aktuellen Zeitzeugnisse des 21. Jahrhunderts Geschichts- oder Familienforscher in 20, 50 oder 500 Jahren noch studieren können. Hundesteuerakten? Stadtratsprotokolle? Hartz-IV-Empfänger-Listen? Schulabschlussarbeiten? Gaststättenkonzessionen? Was ist wertvoll? Was spiegelt das Stadt-, Kreis- oder Landesgeschehen wider? Was wandert ins Archiv, was in den Schredder?
Fragen, die sich Archivare jedes Mal stellen, wenn wieder ein neuer Schwung Akten aus den zur Datenweitergabe verpflichteten Ämtern eintrifft.
Beim Archivtag Rheinland-Pfalz und Saarland haben rund 80 Experten am Montag im Lesesaal der Trierer Stadtbibliothek darüber diskutiert, ob für die Bewertung von Schriftgut feste Regeln gelten sollten. Eine Diskussion, die laut Moderator Jörg Pawelletz vom Landeshauptarchiv Koblenz in Fachkreisen alle 15 Jahre ebenso strittig wie ergebnislos geführt wird. "Am Ende gibt es keine Lösung und jeder bewertet weiter mit dem berühmten Fingerspitzengefühl", sagt er.
Im hessischen Landesarchiv hat Eva Rödel dieser Vorgehensweise den Kampf angesagt. Um die Tonnen Papier, die Ministerien und andere Behörden dort anliefern, nach möglichst transparenten Kriterien auszusortieren, führt das Archiv ein Bewertungsmanagement ein, setzt Ziele fest und bemüht sich um eine bessere Kommunikation mit den 1000 zuliefernden Ämtern. Wäre ein solch standardisiertes Verfahren nicht auch was für kleinere Archive?
Schon der Blick in die Gesichter der übrigen Podiumsgäste zeigt: Nein. Die haben andere Probleme. Erstens: Platzmangel.
"Wir haben ein großes Problem, überhaupt noch Sachen aufzubewahren", sagt Bernhard Simon vom Stadtarchiv Trier. Fünf Kilometer Akten und andere Dokumente lagert sein Haus bereits. Manche sind Jahrhunderte alt. Und der Platz für die Akten der Zukunft fehlt. Auch Bistumsarchivarin Monica Sinderhauf kennt das Problem. Ebenso wie ein weiteres: Viele Akten treffen "ungeordnet" ein. Es herrsche Chaos. Man könne nicht einmal sicher sein, ob die Titel der Aktenordner richtig seien. Die anderen nicken.
Drittens ist das Personal knapp. So kommen die Vorschläge von Archivberater Peter Weber nicht bei allen gut an. Er spricht sich für eine transparente Verdichtung aus: So könne man 150 Regalmeter Gaststättenakten auf 14 Meter reduzieren, wenn man sich auf bestimmte Stadtviertel, Straßen und Traditionskneipen konzentriere. "Wir haben für so etwas keine Zeit", antwortet der Saarbrücker Archivar Hans-Christian Herrmann. Zudem besteht die Gefahr, dass Spannendes verloren geht. So sei Saarbrücken für Homosexuelle eine wichtige Stadt, weil es dort einen der ersten Schwulenclubs Deutschlands gab. "Ob ein Archivar 1962 auf die Idee gekommen wäre, die Unterlagen zu bewahren?"
Kurz: Bewertungsregeln scheinen nicht das zu sein, wonach sich die Archivare am meisten sehnen. "Die Praxis ist, wie sie ist", sagt Simon. Das Trierer Stadtarchiv bewahrt 15-20 Prozent der angelieferten Akten auf. Einige immer und komplett - dazu zählen Stadtrats- und Ausschussprotokolle oder -vorlagen sowie Bauakten und Vorgänge aus dem Büro des Oberbürgermeisters. Geben diese doch einen guten Überblick über das Stadtgeschehen.
Von Massenakten der Sozialämter oder Führerscheinstellen wird nur ein Bruchteil aufgehoben, der groß genug ist, einen Überblick zu geben. Punktuell wird dies um Infos anderer Ämter wie Ordnungs- oder Gewerbeamt ergänzt. Zudem sammelt das Archiv selbst Unterlagen aus dem wirtschaftlichen, gesellschaftlichen oder kulturellen Leben. "Das ganze Material gibt ein Gesamtbild der Stadtgeschichte", sagt Simon.
Was einmal im Archiv steht, bleibt für immer dort. Ausgedünnt wird nicht. "Das ist die endgültige Bewertung", sagt Simon. Er und seine Kollegen bestimmen (wohl weiterhin mit Fingerspitzengefühl), was Menschen in Zukunft über ihre Familie, ihr Haus oder ihre Straße erfahren und welches Bild Triers bleibt.