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Kultur
… und diese Liebe höret nimmer auf

Mats Eric Sprave, Nuria Christina Baum, Johanna Grote, Franziska Sieb, Lisa Sonja Roth und Annette Deeken haben das Medienprojekt „Jenny & Karl Marx. Eine Liebe in Briefen“ initiiert.
Mats Eric Sprave, Nuria Christina Baum, Johanna Grote, Franziska Sieb, Lisa Sonja Roth und Annette Deeken haben das Medienprojekt „Jenny & Karl Marx. Eine Liebe in Briefen“ initiiert. FOTO: TV / Privat
Trier. Die Geschichte einer lebenslangen Zuneigung, auf CD dokumentiert: Briefe der Eheleute Marx. Von Rainer Nolden

„Du lieber guter Herzenskarl.“ – „Mein süßes Herzensjennichen.“ – „Du teurer Liebling des Herzens.“ – „Süßes, teures, einziges Herz.“ – „Du gutes, liebes, süßes Schwarzwildchen.“ – „Liebe gute Herzensjenny ...“

Nein, wir befinden uns nicht in den seichten Tiefen eines Courths-Mahler-Romans, sondern mitten im Leben. Und zwar in dem von Karl und Jenny Marx, die zum Zeitpunkt des Austauschs dieser verbalen Liebkosungen noch Jenny von Westphalen hieß – und total verknallt war in den schwarzhaarigen, glutäugigen, vollbärtigen Karl, damals gerade 18 Jahre alt und also noch nicht einmal volljährig. Der bürgerliche Teenager liebte weit über seinen Stand, eine Adlige nämlich, die zudem noch vier Jahre älter war als ihr Verehrer. Was in Zeiten von Emmanuel und Brigitte Macron, die wesentlich mehr Jahre voneinander trennen, kein Gesprächsthema mehr ist, über das sich weniger von der Liebe betroffene Menschen neidvoll austauschen, sorgte in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts für zumindest hochgezogene Augenbrauen.

Aber da die Liebe bekanntermaßen stärker und gewaltiger als der mächtigste Tsunami ist, blieben  Karl, Sohn eines Trierer Anwalts, und Jenny, Tochter eines aus Salzwedel nach Trier versetzten Regierungsrats – die beiden Väter waren miteinander befreundet; der Nachwuchs musste also kein Romeo-und-Julia-Schicksal befürchten – zusammen in guten wie in – meistens – schlechten Tagen, bis dass der Tod sie 1881 (Jenny traf es zwei Jahre vor ihrem Gatten) voneinander schied.

In diesem Jahr ist Trier Karl-Marx-Stadt und Karl Marx ist Trier. So durchleuchtet und geröntgt wurde das Leben des Philosophen, Religions- und Gesellschaftskritikers, Initiator der Arbeiterbewegung und einflussreicher Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus, an der Mosel noch nie. Gibt es noch eine Leerstelle im Leben dieses vor 200 Jahren geborenen Menschen?

Ja, es gibt sie, und Annette Deeken, Professorin für Medienwissenschaft an der Universität Trier, hat sie entdeckt: das Privatleben, genauer gesagt, das Liebesleben des einzigen Trierers, dessen Name in jedem Land der Welt bekannt ist. Zusammen mit ihren Student(inn)en hat sie Briefe gesucht und gefunden, die die beiden (zunächst Freunde, dann Geliebte, endlich Ehepartner) einander geschrieben haben – Briefe, in denen es vor allem und ausschließlich um den Alltag geht, der geprägt ist von einer anrührenden Zärtlichkeit, tiefen Sehnsucht nacheinander, wenn sie getrennt waren, von den Sorgen um die Kinder, wenn sie kränkelten, spitze Bemerkungen über die Verwandtschaft bei Familienbesuchen und ironische Aperçus über gemeinsame Bekannte – aber auch Klagen über die prekäre finanzielle Situation, unter der vor allem Jenny litt, die sich schämte, den Bäcker, den Metzger und die Vermieterin nicht mehr bezahlen zu können.

Von den zahlreichen Briefen der Eheleute Marx „berühren die wenigstens den privaten Bereich“, erläutert Annette Deeken. „25 sind erhalten, die Jenny an Karl geschrieben hat, und nur zwölf von ihm an seine Frau.“ Diese 37 Korrespondenzen hat Deeken mit ihren Studenten ausgewertet, bearbeitet und gekürzt – und von drei Schauspielern lesen lassen.

Gut fünfzig Zuhörer haben sich im Museum Simeonstift eingefunden, um der Vorstellung der CD beizuwohnen. Anne Moll, manchem als Ensemblemitglied des Luxemburger Nationaltheaters bekannt, spricht, nein, schlüpft hinein in Jenny, liest mit weicher, zärtlicher Stimme, mitunter kokett und kapriziös und macht betroffen, wenn sie von Leid und Elend schreibt, das eine wie das andere hartnäckige Begleiter ihres Lebens. Douglas Welbat, Filmproduzent, Schauspieler, Regisseur, Synchronsprecher (unter anderem des „Krümelmonsters“ aus der „Sesamstraße“), Drehbuchautor und Geschäftsführer einer Filmproduktionsgesellschaft, verleiht Karl Marx den sonoren Sound, den man sich von einem Mann seiner Statur vorstellt. Peter Kaempfe schließlich, Mitbegründer der unorthodoxen „Bremer Shakespeare Company“ und Ensemblemitglied der Uraufführung vom „Schuh des Manitu“ im Berliner Theater des Westens, füllt als Erzähler und Moderator die Lücken zwischen den Kürzungen mit Erläuterungen zu Ereignissen, Plätzen und Personen, deren Bedeutung sich dem zeitgenössischen Zuhörer nur mittels intensiver Recherchen erschließen würde.

Im beigefügten Booklet der CD sind historische Dokumente wie die Hochzeitsanzeige der Eheleute Marx – die als Ort Kreuznach verzeichnet, weil Jennys Mutter nach dem Tod ihres Mannes, ein Jahr vor der Hochzeit, dorthin gezogen ist – oder die Geburtsanzeige der Tochter Jenny Marx enthalten.

„Jenny und Karl Marx – Eine Liebe in Briefen“ ist ein sehr persönlicher, ausgesprochen intimer und aufschlussreicher Einblick in eine Beziehung, deren innige Liebe und Verbundenheit von der gesellschaftspolitischen Bedeutung ihrer Protagonisten zeitlebens überschattet wurde.

Karl Marx, diese Person des öffentlichen Lebens, und Jenny Marx, die diesem Mann in unverbrüchlicher Liebe zugeneigt war, gewähren dem Zuhörer ergreifende Einblicke in ihre Seelen – und die berühren auch noch über zwei Jahrhunderte hinweg. So überzeugend, dass der WDR die CD zum „Hörbuch der Woche“ erklärt und der HR es auf seine Bestenliste gesetzt hat.

Die CD ist an der Kasse des Museums Simeonstift sowie im Handel erhältlich (12,90 Euro).

Das Cover der CD.
Das Cover der CD. FOTO: TV / Privat