Die große Sonderausstellung über Mode im Trierer Museum Simeonstift

Mode im Museum : Der Stoff, aus dem das Leben ist

Von Sophia Lorens Taille und Guildo Horns Anzug: Wir platzen in den Aufbau der großen Sonderausstellung im Trierer Museum Simeonstift und erfahren, wie spannend und aufwendig Mode sein kann.

Wie sieht es denn hier aus? Kisten und Krimskrams auf dem Boden, ein belagerter Arbeitstisch in der Mitte und versprengte Grüppchen kopfloser bekleideter Puppen, die wirken, als wüssten sie nicht so recht, wo sie hingehören. Einige drehen sich sogar den Rücken zu, als wollten sie nichts miteinander zu tun haben.

Genug damit! Was haben wir denn erwartet? Hier wird schließlich gearbeitet, und unsere Idee war, einmal nicht erst zu kommen, wenn alles fertig ist. Wir wollten schauen, was für ein Aufwand hinter der nächsten großen Ausstellung im Museum Simeonstift in Trier steckt. Außerdem sollten andere, nicht wir, nervös sein, dass bis zur Eröffnung noch sehr viel zu tun ist. Aber Ralf Schmitt wirkt ganz ruhig. Wahrscheinlich komme der erste Besucher vorne herein, während die Reinmachefrau sich hinten herausschleiche, sagt der Modedesigner, Textilrestaurator und Kurator der Ausstellung „Um angemessene Kleidung wird gebeten“. Er hat Erfahrung mit Großveranstaltungen. Immerhin betreut er seit Jahren die Modenschau der Hochschule Trier. Warum sollte es dieses Mal anders sein? Jeder Gastgeber kennt das.

Aus Ralf Schmitts privater Sammlung stammen die meisten der gezeigten Exponate. Während er an einem Plan die verschiedenen Stationen der Ausstellung erklärt, putzen die beiden Restauratorinnen Tina Philipps und Lisa Scher seine Schützlinge weiter für ihren großen Auftritt heraus. Vor zwei Jahren sei das Konzept entstanden, Kleidung und Accessoires zu bestimmten Anlässen aus 250 Jahren zu zeigen. Museumsdirektorin Elisabeth Dühr gab ihr Okay, und jetzt, nach so langer Vorbereitungszeit, wird es richtig spannend. In zwei Sälen in der dritten und vierten Etage wird zusammengeführt, was an verschiedenen Stellen vorbereitet worden ist – Kleidung, Podeste, Lichtdesign, Beschriftung ... Aus der Idee entsteht allmählich ein Bild.

Seit eineinhalb Jahren bearbeiten Tina Philipps und Lisa Scher circa 70 Büsten, ohne die alle Kostbarkeiten nur eine platte Hülle wären. Den historischen Textilien wird der perfekte „Körper“ maßgeschneidert. Die beiden Restauratorinnen modulieren seither Hartschaum, bis die Formen zu den ihnen zugedachten Roben passen. Sie schneiden weg, wo zu viel ist, füllen mit Vlies und Watte auf, wo es fehlt und verarbeiten Hunderte Meter von Nesselstoff als Unterstützung für den perfekten Sitz. In einem großen plastiküberzogenen Ballen lagert das Vlies im Raum wie Heu auf der Wiese.

Bei der Wespentaille von Sophia Loren musste mächtig der Hobel ran, so schmal ist sie. Sie ließe sich locker mit zwei Händen umfassen. Heute unvorstellbar. Aber, halt. Wieso eigentlich Sophia Lorens Taille? Ralf Schmitt verwandelt sich vor einem schwarzen Cocktailkleid plötzlich in Sherlock Holmes. Es stamme aus der letzten zu Christian Diors (1905-1957) Lebzeiten entstandenen Kollektion. Das Modell Caracas sei aus hochwertiger Shantung-Seide gefertigt, deren variierende Webstrukturen jedes zu einem Unikat mache. Seit Lisa Scher ein Foto mit Sophia Loren in einem Dior-Modell Caracas entdeckt hat, hat die Detektivarbeit begonnen. Ist das Trierer Kleid dasselbe, das die italienische Filmdiva einst getragen hat? Stimmen die Webstrukturen mit denen auf dem Foto überein? Was könnte das offensichtlich herausgetrennte Dior-Etikett damit zu tun haben? Provenienz-Forschung ist ein wichtiger Teil der Museumsarbeit, und Wissen adelt jedes Exponat. Das Cocktailkleid wird im Bereich „Red Carpet“ neben Kleidern von Gerry Hall (Vivienne Westwood), Toni Garrn (Aigner) oder Leslie Caron (Dior) stehen. Den lückenlosen „Lebenslauf“ eines Kleidungsstücks bezeichnet Ralf Schmitt als einen Volltreffer. Wie wohl der Loren-Modekrimi ausgehen wird?

Ein um die Taille großzügiges, schlichtes eierschalfarbenes Hochzeitskleid aus Gilzem in der Eifel gibt weniger Rätsel auf. Es ist 1951 aus Fallschirmseide aus dem Zweiten Weltkrieg genäht worden. Die Hochzeit ist natürlich eine wichtige Modestation, ebenso wie Toten- und Trauermode, die Tauf- und Berufskleidung, aber auch Outfits für den ersten Ball. Textilien begleiten uns in guten und in schlechten Zeiten. Empfohlen ist an dieser Stelle, an einer Führung von Ralf Schmitt teilzunehmen – dann geben die Stoffe bereitwillig preis, was sie über ihren Träger und die herrschenden Sitten wissen. Was sich gesellschaftlich getan hat, soll besonders bei der Gegenüberstellung eines Tags im Leben einer Dame vor 130 Jahren und heute deutlich werden. Damals hat sich eine Dame mehrmals umgezogen.

Ach, ist das nicht der grüne Samt­umhang, den Guildo Horn 1998 beim Grand Prix d’Eurovision de la Chanson in Birmingham getragen hat? Aber wo ist denn der passende grüne Anzug dazu? Der sei irgendwo in einem Museum in Norddeutschland und werde von Ralf Schmitt noch abgeholt werden. Viele Stunden Autofahrt hin und zurück, aber keine Sorge, er wird pünktlich zur Ausstellung da sein.

Rita Scher lässt so geschickt einen Faden im schwarzen Hals einer Puppe verschwinden, als sei er nie da gewesen. Sie hat in vielen Stunden Textilien kunstvoll ausgebessert, als hätte der Zahn der Zeit nie an ihnen genagt. Vorher-Nachher-Fotos auf ihrem Handy liefern zum Beispiel den Beweis, wie ihr Know-how ein 20er-Jahre-Ballkleid gerettet hat, dessen hauchzarter Stoff unter dem schweren Perlenbesatz kapituliert hatte.  Den Dresscode der 1970er Jahre demonstriert das schwarze Kleid der Triererin Christine Stein. Sie hat es beim Besuch der Salzburger Festspiele getragen. Ein Foto, das sie in Begleitung bei diesem gesellschaftlichen Ereignis zeigt, wird in der Ausstellung wie zum Beweis gezeigt.

Ausstellung Simeonstift: "Um angemessene Kleidung wird gebeten". Elisabeth Scher beim Aufbau. Ve./Foto: Friedemann Vetter. Foto: Friedemann Vetter
Vorne Sissi-Schick, hinten Horn-Cape: Den grünen Samtumhang hat Guildo Horn 1998 beim Grand Prix in Birmingham getragen. Foto: Birgit Markwitan

Herausputzen war gestern. Und heute? Die Anlassmode-Ausstellung thematisiert natürlich auch den Wandel der Konventionen. Dazu Besucher in Jeans und Turnschuhen vor aufwendigen Roben oder „Notkleidern“ aus dem Zweiten Weltkrieg – es werden Modewelten aufeinandertreffen. Bis dahin ist noch viel zu tun. Wir möchten nicht länger stören und sind sicher, dass an der Eröffnung am 19. Mai alles picobello sein wird.

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