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Die heile Welt stören

Die heile Welt stören

Als "Sprayer von Zürich" sorgte er mit seinen Graffiti für jede Menge Aufregung, wurde sogar vom Gesetz verfolgt. Jetzt ist Harald Nägeli 74 Jahre alt - und sprayt immer noch. Im Rahmen eines Projekts zur Kunst im öffentlichen Raum hat der Schweizer die Europäischen Kunstakademie besucht.

Trier. Seine dynamischen, abstrakten Strichmännchen gehören heute eher zu den diskreten Erzeugnissen des Kunstmarktes. Nicht, weil sie klammheimlich und tunlichst ohne Zeugen entstehen. Allein ihre auf wenige Zeichen reduzierte Gestalt gibt Rätsel auf, zwingt zum Nachfragen, verstört und macht fremd, was scheinbar vertraut war.
Nachdenklichkeitsästhetik heißt in einer Welt der knalligen Bilderfülle, was Harald Nägeli seit den 70erjahren an Mauern, Hauswände oder die Pfeiler von Parkhäusern sprüht.
Nach Trier ist der als "Sprayer von Zürich" bekannt gewordene Bürgerschreck mit der Spraydose, der heute in Düsseldorf lebt, im Rahmen eines Seminars des Kunsthistorischen Instituts der Universität Trier gekommen.
In der Kunsthalle der Europäischen Kunstakademie sitzt er an einem Tisch und zeichnet in sein Skizzenbuch, während ihn gleichzeitig eine Rednerin rühmt.
Zeichnen, das tut er eigentlich immer, wenn er nicht gerade sprayt. Nachdenklich und in sich gekehrt wirkt der 1939 in Zürich geborene Künstler. Seinen Freiheitsdrang, die Ursache all seiner Sprayaktionen, hat er allerdings nicht vom Schweizer Nationalhelden Tell, sondern von seiner norwegischen Mutter.
Über seine Zeichnungen und Graffiti, die auf der großen Leinwand in der Kunstakademie flimmern, spricht er fast beiläufig. Feinsinnig und leicht wirken die bisweilen zart aquarellierten Bleistiftzeichnungen. Die Nähe zum engen Künstlerfreund Joseph Beuys ist zu spüren.
Schwer kann man sich da einen Mann vorstellen, der schwarz bemäntelt unterwegs ist, um überfallartig an Wände und Mauern rätselhafte Zauberer und Fetische zu sprühen.
Dabei sind Nägelis Graffiti nichts anderes als "schnell gemachte" elegante Zeichnungen aus Winkeln und geschwungenen Linien.
Wenige Sekunden für ein Bild


"Die Spraydose zwingt zu einer extremen Reduktion", sagt der Künstler. Die wenigen Sekunden, die zum Anfertigen der eigentlich unerlaubten Bilder bleiben, erforderten eine unerhörte Konzentration auf das Wesentliche." Dadurch entstehe die Dichte der Werke, ihre Anschaulichkeit und die Einmaligkeit des Ausdrucks.
Zwei Herzen schlagen gleichsam in des Schweizers Brust. Das eine ist die extrovertierte seiner Straßenkunst, die andere introvertierte äußert sich in der endlosen Geschichte seiner "Urwolke", einer Meditation in unzähligen Punkten und kurzen Strichen über den Raum.
Bevor der Absolvent der Werkkunstschule Zürich zum ersten Mal mit seinen Graffiti in Zürich die öffentliche Ordnung störte, hatte er sich längst seine eigene Welt an Formen und Bildern geschaffen. "Meine Graffiti sind der Ertrag, den ich aus einer unendlich langen Arbeit mit anderen zeichnerischen Mitteln gewonnen habe", erklärt Nägeli.
Mit Hilfe der Spraydose habe er die vermeintlich heile Welt des saturierten eidgenössischen Bürgertums stören wollen. "Ich wollte etwas Ordnung in die Unordnung bringen", lacht Nägeli, und der Schalk blitzt in seinen Augen.
Seine künstlerische Freiheit und der daraus resultierende Ungehorsam waren ihm endlose Anzeigen wegen Sachbeschädigung und sogar eine Gefängnisstrafe wert. Kein Wunder, dass er Graffiti als Auftragswerk ablehnt. "Als Auftragnehmer und Auftragssuchender werde ich vereinnahmt. Damit ist ein Teil der Freiheit, die ich mir herausnehme, verloren".
Auch zu der zeitgenössischen bunten Graffitikunst und ihren großen, komplexen Bildern hat der Zeichner "keinen Zugang". Und auch mit 74 Jahren ist Nägeli noch immer auf der Straße unterwegs, um zu sprayen. "Man muss sich ständig versichern: "Ich bin frei".
Die Europäische Kunstakademie Trier zeigt ab 14. Januar 2014 eine umfassende Ausstellung zum Werk Harald Nägelis
Extra

Zeitgenössische Graffiti-Künstler beziehen sich heute meist auf amerikanische Vorbilder, zu denen auch Keith Haring gehört. Sie erarbeiten vielfarbige, großformatige Wandbilder. Meist nutzen sie Mischtechniken aus Malerei, Schriftkunst und Zeichnung. Dabei werden gleichberechtigt Pinsel und Spraydose verwendet. Längst hat die Graffiti-Kunst den Untergrund verlassen. Viele der Arbeiten sind Auftragswerke, die der Dekoration dienen und in denen die Künstler eigene Fantasien und Vorstellungen ausleben. Auch in der Region finden sich viele Graffiti-Wände.er