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Die Hölle sind immer die anderen

Die Hölle sind immer die anderen

TRIER. Jubel, Standing Ovations: Ein engagiertes Ensemble, ein intelligentes Regiekonzept und ein vorzüglicher Sound ließen das Musical "Paradise of Pain" bei der Premiere im Theater Trier zu einem bemerkenswerten Publikumserfolg werden.

Wer die Uraufführung beim großen Nachbarn noch im Hinterkopf hatte, ging mit einem bangen Gefühl in den Premierenabend. "Paradise of Pain", das war in Saarbrücken eine grelle Materialschlacht, ein krasses, bisweilen zum Vulgären tendierendes Spektakel - in Trier schwerlich durchsetzbar. Aber Regisseur Holger Hauer hat sich auf das besonnen, was das Stück von Alan Cooper eigentlich ist: eine augenzwinkernde Parabel über Klischees und Vorurteile. Und die werden kräftig durch die Mangel gedreht, wenn ein eigentlich für den Himmel vorgesehener Beamter unversehens in der Hölle landet, und ein Gangster an seiner Stelle den Platz in der ewigen Seligkeit einnimmt. Himmlische Harmonie wird höllische Langeweile

Man hat es fast geahnt: Die himmlische Dauer-Harmonie kann zur höllischen Langeweile werden, und in der Hölle lässt es sich, die Einhaltung gewisser Regeln vorausgesetzt, ganz passabel leben. Bürokraten haben auch ihr Gutes, und Gangster können nicht nur Schaden anrichten. Diese aufklärerischen Erkenntnisse, die durchaus zum Pausen-Philosophieren einladen, vermittelt Hauer mit sympathischer Ironie. Das beginnt schon mit der originellen, überraschende szenische Lösungen findenden Ausstattung von Christoph Weyers. Seine Hölle ist ein eher skurriles als erschreckendes Grusel-Kabinett - mit Folterwerkzeugen, die so aussehen, als hätte man die rostigen Restbestände einer 50er-Jahre-B-Filmproduktion aufgekauft. Die Chefin Mephista, in Saarbrücken eine bizarre Sado-Maso-Figur, wirkt hier eher wie eine Tempeltänzerin aus dem "Tiger von Eschnapur", was wiederum gut zu ihrem Assistenten "Klobürste" passt, einem pfiffigen indischen Computerspezialisten (stark: Tim Olrik Stöneberg), der die folgenreiche Verwechslung aus blanker Neugier als Feldversuch inszeniert. Das alles ist in einfachen, klaren Bildern erzählt, die man auch dann versteht, wenn man bei manchem Songtext verständnismäßig kapitulieren muss - was freilich auch bei Richard Wagner gelegentlich vorkommen soll. Köstlich die senile himmlische Spaßgesellschaft, deren höchstes Vergnügen eine Art Senioren-Aerobic darstellt, nebst Black-Jack-Zockerrunden, bei denen ätzenderweise immer jeder Mitspieler gewinnt. Auch hier spielt Hauer gekonnt-satirisch mit den Klischees, zitiert Pop-Kultur-Preziosen wie das legendäre Genesis-Video zu "I can't dance" und zeigt die geheimen Sehnsüchte hinter der Heiligen-Fassade. Musik ist Mix aus Funk, Operette und Rock

Die Bilder machen sich, zum Glück, auch ein bisschen über Frank Nimsgerns Musik lustig, die mal hemmungslos schmalzig daherkommt, mal atemlos energiegeladen. Das ist eher Nummernoper als Gesamtkunstwerk, eher einfach als raffiniert, aber es funktioniert als effektiver Bühnen-Soundtrack. Himmel und Hölle werden gekonnt charakterisiert, Motive geschickt variiert - eine Art Light-Motivik mit einprägsamen, eingängigen Melodien. Der Mix aus Funk, Rock'n' Roll und Operette bietet den unschätzbaren Vorteil, dass jeder Zuschauer sich herauspickt, was ihm gefällt, und den Rest billigend in Kauf nimmt - kein schlechtes Rezept, wenn man breite Publikumsschichten ansprechen will. Dass es in Trier aufgeht, hängt mit der exzellenten Band (Leitung: Achim Schneider) und dem brillanten Sound zusammen, der es - zum ersten Mal im Trierer Theater - schafft, eine angemessene Lautstärke zu bieten, ohne die empfindlicheren Besucher zu vergraulen. Barbara Tartaglias schmissige, temporeiche Choreografien mit einem wandlungsfähigen Tanz-Ensemble sind ebenso ein Erfolgs-Faktor wie die kleinen, sarkastischen Doppel-Porträts der Schauspieler (Angelika Schmid, Klaus-Michael Nix, Hans-Peter Leu, Christoph Bangerter, Peter Singer, Manfred-Paul Hänig, Claudia Felix, Hille Beseler), die jeweils einen himmlischen und einen höllischen Charakter verkörpern. Durchweg Volltreffer: die vier Hauptdarsteller. Sanni Luis ist eine gesanglich mit allen Wassern gewaschene, stimmstarke, souveräne Mephista. Stephanie Wettich offenbart bei ihrem Hauptrollen-Debüt als blonder Engel Angelina ("Mein Gott, wie süß", flüsterte jemand in der Reihe hinter mir) außerordentliches sängerisches und darstellerisches Talent. Michael Ophelders alias Jonathan Diver beherrscht offenbar auf der Bühne wirklich alles, selbst einen erdigen Gangster-Rock'n Roll. Und Guildo Horn? Der Sänger liefert eine punktgenaue, saukomische Studie eines verklemmten Bürokraten, ohne sich eine Sekunde in den Vordergrund zu drängen oder anderen die Schau zu stehlen. Alles in allem: ein guter Abend. Was nicht heißt, dass es keine Steigerungsmöglichkeiten gäbe. Eine Viertelstunde kürzer, um ein paar überflüssige Längen gerafft, mit runderen, flotteren Übergängen zwischen den Szenen, hat "Paradise of Pain" Chancen, die erhoffte Erfolgsproduktion zu werden. Mehr zum Thema im Internet-Blog von Dieter Lintz unter www.dil-spitzen.blog.intrinet.de