Die Kaffeemaschine heißt Huguette

Die Kaffeemaschine heißt Huguette

Am Freitag wird im Studio des Trierer Theaters zum fünfzigsten Mal die Komödie "Kunst" von Yasmina Reza aufgeführt. Ein Blick hinter die Kulissen des rekordverdächtigen Drei-Männer-Stücks um Freundschaft und Kunstverständnis.

Trier. Theater haben ein kurzes Gedächtnis. Jedes Jahr neue Akteure, jede Saison neue Stücke, alle paar Jahre ein neuer Intendant: Da bleibt wenig Zeit für Langzeit-Statistiken. Und trotzdem: Selbst langgediente Mitarbeiter wie Studio-Beleuchter Klaus Pahlke können sich nicht daran erinnern, dass es jemals 50 Vorstellungen des gleichen Stücks im Studio oder Großen Haus gegeben habe.

Noch zwei Stunden bis Vorstellungsbeginn. Die Rekordhalter sehen das gelassen. "Wir haben ,Kunst' sogar schon hundert Mal gespielt", sagt Paul Steinbach, der den Kunst-Freak Serge gibt. Die Erklärung für die Verdopplung ist recht einfach: Vor jeder Vorstellung um 18 Uhr sitzen Steinbach und seine Kollegen Klaus-Michael Nix und Tim Olrik Stöneberg in der Kneipe "Cheers" neben dem Künstlereingang des Theaters und gehen den ganzen Text noch einmal durch.

"Wir brauchen das, um uns aufeinander einzuschießen und damit die Sache frisch bleibt", meint Stöneberg. Obwohl ihn sein Text nach so vielen Aufführungen manchmal bis in den Schlaf verfolgt. Dass ihm im realen Leben schon mal versehentlich Textpassagen aus "Kunst" dazwischen rutschen, kommt vor, in Vorstellungen anderer Stücke ist das zum Glück noch nie passiert.

Noch eine Stunde Vorgeplänkel im "Cheers", dann startet die Komödie mit dem Satz "Mein Freund Serge hat sich ein Bild gekauft". Ein Bild mit weißen Streifen auf weißem Grund, für 35 000 Euro. Was wiederum Marc alias Stöneberg nicht begreifen kann. Daraus entsteht ein Kleinkrieg über das Kunstverständnis, der sich zu einer handfesten Krise in der Männerfreundschaft entwickelt und tiefe Konflikte offenlegt. Auch "Schlichter" Yvan (Klaus-Michael Nix), der Dritte im Bunde, gerät heftig zwischen die Fronten. Den Riesen-Erfolg von "Kunst" erklärt Nix nicht zuletzt mit der "exzellenten Regie-Arbeit" von Steffen Popp. Keine 08/15-Komödie, sondern eine Inszenierung, die die Ästhetik "moderner" Kunst, die mit Traditionen bricht, auch auf das Stück selbst anwendet. So spielen die Akteure Text-Löcher und falsche Auftritte mit - was Nix schon Klagen von Besuchern eingetragen hat, die sich an der Kasse über seine vermeintlich "schlechte Form" beschwerten.

Eine von vielen Anekdoten, die sich inzwischen um die Produktion ranken. So wie die von der quietschenden Tür, die jede Vorstellung eröffnet. Das sorgfältig präparierte Requisit gab eines Tages keinen Ton mehr von sich, weil ein eifriger Bühnenarbeiter es geölt hatte. Fortan stand im Produktionsplan festgeschrieben, dass die Tür zu quietschen habe. Der vielstrapazierte Plattenspieler musste schon mehrfach ausgetauscht werden, und die Kaffeemaschine hat auch schon mal spektakulärer gedampft. Sie hat übrigens wie fast alle Requisiten inzwischen einen Namen und heißt "Huguette".

Noch 30 Minuten bis zum Auftritt. Steinbach und Stöneberg qualmen ihre letzte Zigarette, all zu viel Maske steht nicht an, und dann beginnt das Abschluss-Ritual. Darüber wird nichts verraten. Schauspieler-Aberglaube. Das Stück ist jedes Mal das gleiche, die Aufführung nicht. Was am wechselnden Publikum liegt. "Die Leute lachen oft an völlig unterschiedlichen Stellen", sagt Tim Olrik Stöneberg. "Aber manchmal bleibt ihnen das Lachen auch im Halse stecken", ergänzt Paul Steinbach.

Wenn es nach dem Darsteller-Trio geht, kann das noch lange so weiter gehen. Rund 3000 Besucher sind zwar fürs Studio sensationell, aber damit sei das Potenzial "noch lange nicht ausgereizt", prognostiziert Klaus-Michael Nix. Die Theater-Oberen scheinen das ähnlich zu sehen. Für die neue Spielzeit steht "Kunst" auf der Liste der Wiederaufnahmen.

Aber wer auf Nummer sicher gehen will, kann am morgigen Freitag gleich zuschlagen: Es gibt noch Karten für die Jubiläums-Vorstellung.

Mehr von Volksfreund