Die Kolumne Kulturwoche von Rainer Nolden

Das Ereignis der Woche : Der Vorname

Archie also. Kaum einer hat darauf gewettet – in jenem Land, in dem Wetten zum Alltag gehören wie der Tee mit Milch, Nierenpastete, lichtdünner Kaffee und die „Last-order!“-Rufe, kurz bevor im Pub die Lichter ausgehen.

Da dürften viele Briten ein paar Pfunde verloren haben, die auf Henry, James oder Charles gesetzt haben. König Archie – klingt irgendwie nicht richtig royalistisch. Aber so weit wird es ja wohl kaum kommen. Ehe dieser Säugling den Thron besteigen kann, müsste er an einige Mitglieder seiner Verwandtschaft das Schwert anlegen. Was ja, wie wir spätestens seit Shakespeare wissen, zumindest bei den Vorfahren der Familie Mountbatten-Windsor durchaus gängige Praxis war. Inzwischen haben sich die Sitten kontinentalen Standards angepasst (wie es freilich nach dem Brexit aussehen wird, kann derzeit niemand vorhersagen); Mord und Totschlag im Buckingham Palace käme auch gar nicht gut in der Yellow Press. Immerhin wäre der Kleine der ­allererste Herrscher dieses Namens. Gibt man nämlich derzeit „King“ oder „König Archie“ bei Google ein, wird man auf die Homepage eines Sesselfabrikanten im italienischen Turin gebeamt.

Dabei hat der Name durchaus etwas Heroisches, Kühnes, wie ein Blick in die Onomastik zeigt, jene Wissenschaft, die sich mit der Geschichte und Bedeutung von Namen befasst. Erkenbald hätte der Knabe geheißen, wäre er in Althochdeutschland geboren worden. „Erchan“ bedeutet fest, vornehm und hervorragend, „bald“ ist der Kühne, der Mutige (im Englischen inzwischen auch der Kahlköpfige, was ja zumindest im Moment auf den Frischgeborenen zutrifft). Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet verfügt ein Mann namens Archie durchaus über Thron-Qualitäten. Und es sollte uns nicht wundern, wenn dieser Name in den nächsten Monaten weltweit an Bedeutung gewönne und Knaben aller möglichen Nationalitäten verliehen wird.

Vielleicht ist die junge Mrs. Windsor auch nur ein Fan des deutschen Dichters Theodor Fontane und hat sich bei der Lektüre seiner gesammelten Werke von dessen Ballade „Archibald Douglas“ begeistern lassen, in der der Neuruppiner die zu jedem Opfer bereite Liebe des verbannten Titelhelden zu seiner schottischen Heimat schildert („Ich hab es getragen sieben Jahr / Und ich kann es tragen nicht mehr …“). Archibald Douglas, man weiß es, war der sechste Earl of Angus (etwa 1489 bis 1557) und ins englische Exil verbannte schottische Adlige während der Herrschaften von Jakob V. und Maria I.  Spätestens hier dürfte dem Onomastiker ein ketzerischer Gedanke kommen: Sollte die Namenswahl möglicherweise eine dem Königshaus in der Regel verbotene Einmischung in aktuelle politische Ereignisse sein, sozusagen ein Kommentar durch die Hintertür, mit der die Queen & Co. ihre Sympathie für die dem Brexit abgeneigten Schotten unter Beweis stellen wollen? Wenn dem so ist: Walte deines Amtes, Archie!

Rainer Nolden

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