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Die Kultur und die Kohle

Die Kultur und die Kohle

Wenn man um Trier herum einen 50-Kilometer-Zirkel schlägt und sich daran macht, die Kulturveranstaltungen in dieser Fläche zu zählen, kommt man - vorsichtig geschätzt - für 2012 auf weit über 10 000. Die Konkurrenz ist groß, der finanzielle Rahmen extrem unterschiedlich. Und damit auch die Rahmenbedingungen.

Trier. Kultur ist eine freiwillige Aufgabe, jedenfalls in Deutschland. In Zeiten knapper öffentlicher Mittel kommt schnell die Frage auf, wie viel man sich davon noch leisten kann - zumal in einer Region wie Trier. Ein paar Kilometer weiter, in Luxemburg, betrachtet man Kultur als elementares Profilmerkmal für eine europäische Hauptstadt und ihr ehrgeiziges Umland. Da wird der Euro nicht zweimal umgedreht, bevor er in die Kunst fließt.
Schlank aufgestellte Festivals


Von dem, was seinen Nachbarn in Ettelbrück oder Marnach zur Verfügung steht, kann Josef Zierden nur träumen. Dabei hat der Macher des Eifel-Literaturfestivals sich mit Fleiß und einem guten Händchen ein Budget von 300 000 Euro erobert. Sein Kollege Hermann Lewen vom Mosel Musikfestival verfügt sogar über 800 000 Euro. Beide Festivalchefs müssen allerdings mindestens die Hälfte ihrer Mittel über Sponsoren und Eintrittsgelder selbst erwirtschaften. Große Personaletats sind da nicht drin: Zierden führt ein Familien-Unternehmen, Lewen eine schlagkräftige Drei-Mann-Truppe.
Die Kehrseite der schlanken Aufstellung: Alles hängt am Vormann. Wenn Zierden einmal eine seiner Rücktrittsdrohungen wahr macht oder Lewen, der bald seinen Sechzigsten feiert, irgendwann an Ruhestand denkt, weiß niemand so genau, wie es mit den Aushängeschildern weitergeht.
Bei der Literatur legt die öffentliche Hand geschätzte zehn Euro pro Besucher drauf, beim Musikfestival 20. Eine Theaterkarte in Trier wird von Stadt und Land mit rund 100 Euro subventioniert - Häuser mit festem Personalbestand und großem Apparat verursachen höhere Kosten. 90 Prozent der Mittel fließen direkt ins Personalbudget. Deshalb haben Einspar-Auflagen, wie sie derzeit in Trier verhängt werden, die fatale Folge, dass an den wenigen variablen Kosten wie Ausstattung, Bühnenbild und Gästebudget gespart wird - was direkt auf die Attraktivität des Programms drückt.
In Luxemburg ist 2012 von Sparmaßnahmen nicht die Rede. Die beiden größten Häuser, Philharmonie und Grand Théâtre, haben Fusionen oder Übernahmen hinter sich und konnten ihre finanziellen Gestaltungsspielräume eher vergrößern. Allein das Budget der Philharmonie für Öffentlichkeitsarbeit ist größer als die Gesamt-Etats von Eifelliteratur- und Mosel Musikfestival zusammen.
Da müssten die Kulturmacher aus Trier und dem Umland eigentlich ganz erfreut sein, dass aus dem benachbarten Saarland ein interessanter neuer Ansatz kommt. Zeltpalast-Manager Joachim Arnold schlägt vor, sein Zelt-Musical, das Losheim-Klassik-Open-Air, die Kammermusikwochen Mettlach, das Mosel Musikfestival, wiederzubelebende Antikenfestspiele und Veranstaltungen in Luxemburg in einem Verbund zusammenzuspannen. Gemeinsames Marketing, einheitlicher Vertrieb, klare Aufgabenverteilung, aber keine Verschmelzung: Das ist der Ansatz des Kulturmanagement-Profis.
Den Übertitel hat Arnold auch schon: Die neue Kulturlandschaft könnte sich an das Weinbaugebiet Mosel anlehnen - von Koblenz bis Merzig, unter Einbeziehung der Obermosel. "Die Weinregion Mosel ist weltbekannt, daran lässt sich ideal anknüpfen", sagt der gelernte Dirigent.
Im Auge hat er natürlich auch den schnöden Mammon: Eine grenzüberschreitende Kooperation im Dreiländereck könnte den Weg zu EU-Mitteln öffnen, an die alleine niemand herankommt.