Die Kulturmacher Anette Barth in der Kulturgießerei Saarburg

Die Kulturmacher : Macherin mit Mission

Die Geschäftsführerin der Saarburger Kulturgießerei schafft den Spagat zwischen Familie und herausforderndem Management.

Wer Dr. Anette Barth in ihrem Element – -will sagen: ihrer Kulturgießerei – erlebt, staunt. Staunt über die Geschwindigkeit und Präzision, mit der sie die mannigfaltigen Aufgaben als Geschäftsführerin dieser Kultur- und Sozial-Institution erledigt, den Überblick behält und auch noch Zeit für ein persönliches Wort für jeden hat. Das nennt man wohl auf Neudeutsch Multitasking, und das braucht sie auch in ihrem Job. Seit dem Jahr 2003 kümmert sich Barth um Konzeption und Aufbau dieses für die Region einmaligen Projektes: Die Verbindung von Kultur und sozialer Arbeit für die Menschen (vor allem solche, die benachteiligt sind) ist ihr Baby. Dabei hat sie mit Ehemann Christian, der als Banker arbeitet, noch zwei andere „Babys“, die allerdings schon 25 und 28 Jahre alt sind und längst auf eigenen Beinen und im Studium stehen. Das ist ihr Anker, das erdet sie, wie sie sagt.

Schon im Studium in Trier hatte sie Mitte der 1980er geheiratet. In Kunstgeschichte (studierte sie neben Archäologie und Ethnologie) hat sie auch promoviert und zwar über den 1965 verstorbenen russischen Bildhauer Alexander Archipenko. Dann kommt sie ins Schwärmen, wenn sie fasziniert von dessen Plexiglas-Arbeiten in Kombination mit Kunstlicht erzählt und von den Bezügen zur Bauhaus-Zeit. Zu Forschungs-Zwecken verbrachte Anette Barth einige Monate in den USA – wo der Künstler nach revolutionärem Russland und Nazi-Deutschland sein Exil gefunden hatte – und so auch persönlich ihren Horizont erweitert. Archipenko hat mit verschiedenen Kunststilen experimentiert, er vertrat die Idee von der Einheit der Künste. Das hat Anette Barth geprägt, im Grunde, so meint sie, werde dieser Einheitsgedanke in der Kulturgießerei in Saarburg heute gelebt. Sie führt ein mittelständisches Sozialunternehmen mit über einer Million Euro Umsatz und fast 30 Mitarbeitern, das ist fordernd. Da müssen dicke Bretter gebohrt, auch Konflikte ausgetragen werden, sie braucht ein dickes Fell im Kampf für die Kultur und politische Bildung. Das ist ihre Mission.

Dabei ist Anette Barth immer authentisch geblieben, ungekünstelt, diplomatisch, aber auch direkt. Ihre Weggefährten und Mitstreiter loben sie für diese Eigenschaften und dafür, dass sie zielorientiert arbeitet. Aber das Engagement fordert auch seinen Preis, Anfang der 2010er Jahre erlebt sie eine gesundheitliche Krise. Sie entschleunigt, macht eine Fortbildung zur Moderatorin und Trainerin und geht gestärkt daraus hervor. Sie fährt Motorrad, eine Art Befreiung, und findet Halt in der Familie und bei Freunden.Jetzt, im Jahr 2019, spricht sie wieder von ihrer „wunderschönen Arbeit“, liebt die Vielfalt, die für sie die Eröffnung von Möglichkeiten bedeutet.

Gerade frisch eingetroffen sind die Flyer und das Jahresprogramm, vor der Europawahl gibt es eine „Woche der Demokratie“ in der Kulturgießerei, dabei verbindet Barth Vorträge, Diskussionen, Musik und Filme, um ihr Anliegen von der politischen Teilhabe zu verwirklichen. „Es gibt keine einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, wir versuchen das erst gar nicht“, sagt Barth. Dirk Tenbrock

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