Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden : Argentinische Freizügigkeiten und deutsche Vielfalt

Argentinien ist in erster Linie bekannt für seine Rinderzucht und eine Präsidentin, die ihr Land einst mit tränenerstickter Stimme darum bat, nicht um sie zu weinen. Auch der Nationaltanz Tango hat es rund um die Welt geschafft.

Weniger bekannt ist der (nach Brasilien) zweitgrößte Staat Südamerikas für seine Freizügigkeit. Erotik und Argentinien – klingt nicht sehr überzeugend. Dennoch gab es da, lang ist’s her, Eskapaden, die den Zorn der Zensoren entfachten. Die Ursache dafür war Hilda Isabel Gorrindo Sarli, die für ihre Karriere auf den ersten und dritten Teil ihres Namens verzichtet hatte. Sie war 1958 die erste Nackte im argentinischen Kino, genauer gesagt, auf der Leinwand. „Donner unter Blättern“ lautete der etwas rätselhafte Titel. Auf PR-Fotos aus jener schwarz-weißen Zeit räkelt sie sich ebenso gekonnt wie Sophia Loren, Gina Lollobrigida oder Brigitte Bardot zusammengenommen. Die einstige Miss Argentina wurde, als sie über den Laufsteg stöckelte, von dem Regisseur Armando Bó entdeckt, der sie in zahlreichen Sexploitation-Filmen einsetzte. Sie hießen zum Beispiel „Die grüne Peitsche“, „Tropische Sinnlichkeit“ oder, kurz und bündig, „Fleisch“ und sind, schaut man sie heute an, so aufregend wie ein Besuch der Wurstabteilung im Basement eines Kaufhauses. Vermutlich lag es daran, dass es mit der Weltkarriere Isabel Sarlis niemals so richtig klappen wollte; Hintern, Busen und Ähnliches freizügig zu präsentieren sind keine mimischen Glanzleistungen, die, sagen wir, mit einem Iffland-Ring oder gleichwertigen Schauspielerauszeichnungen belohnt werden müssten. Immerhin wurde Señora Sarli, die im Lauf ihrer Karriere rund 30 Filme und Fernsehfilme gedreht hat, bei den 15. Filmfestspielen in Cannes auch dem europäischen Publikum vorgestellt, dessen Interesse jedoch nicht allzu groß gewesen sein dürfte; man hatte ja schließlich, siehe oben, Loren, Lollobrigida oder Bardot. Immerhin hatte die Schauspielerin 2012 noch einmal einen großen Auftritt: Die argentinische Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner erklärte die Mimin am 12. Oktober jenes Jahres zur „Kulturbotschafterin Argentiniens“. Wenn dieser Coup mal nicht nur so ein Mädeldings unter Geschlechtsgenossinnen war. Am 9. Juli wäre Isabel Sarli 90 Jahre alt geworden. Drei Wochen zuvor, am 25. Juni, ist sie in einem Vorort von Buenos Aires gestorben – was der New York Times immerhin einen umfänglichen Nachruf wert war.

Von Buenos Aires in den Ruhrpott – das schafft man so nahtlos nur in dieser Kolumne. Dort ist in ungewöhnlicher Mission Till Brönner unterwegs. Wobei man den 1971 in Viersen geborenen Künstler in erster Linie als Musiker kennt. Aber da man auf einem Bein schlecht stehen kann, hat sich der Jazztrompeter ein zweites zugelegt: die Fotografie.  Mehr als ein ganzes Jahr lang fotografierte er Menschen und Orte in einer der vielfältigsten und ambivalentesten Regionen Deutschlands: Ein persönlicher Blick auf Gesichter, Industrie-Architektur, Natur- und Kulturlandschaften, Verkehr und Urbanes, buntes Mit- und Nebeneinander verschiedener Nationen und Religionen in Deutschlands größtem Ballungsraum. Wie New York gemeinhin als der „melting pot“ der Neuen Welt gilt, so ist das Revier der „Melting Pott“ Deutschlands, und so lautet auch der Titel Ausstellung. „Das Ruhrgebiet hat in seiner Geschichte unterschiedlichste Rollen gespielt“, sagt Brönner. „Es war Waffenschmiede zweier Weltkriege, Motor des Aufschwungs, dann Sanierungsfall – mich interessiert, was das aus den Menschen macht.“ Die Menschen, von denen jeder auf seine Weise das Ruhrgebiet mitprägt, waren denn auch sein wichtigster Zugang zur Region. Die Ausstellung ist bis 6. Oktober im Museum Küppersmühle für Moderne Kunst in Duisburg zu sehen. no/dpa

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