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Die Kulturwoche, betrachtet von Rainer Nolden

Die Kulturwoche : Zahlenzaubereien und die Kunst am Bau

Als ob die bundesrepublikanische Gesamtsituation (und, ganz nebenbei, auch die globale) derzeit nicht schon dramatisch genug wäre, driftet sie gerade ins Katastrophale ab. Denn: Das Interesse an Live-Übertragungen der deutschen Fußball-Nationalmannschaft nimmt weiter ab.

Lediglich 5,42 Millionen Menschen verfolgten am Mittwochabend im Durchschnitt bei RTL das 1:0 gegen Tschechien. Das ergab einen Marktanteil von 18,2 Prozent. Das ist nach Angaben von RTL, ARD und ZDF seit mindestens 20 Jahren die schlechteste Quote für eine deutsche Länderspiel-Übertragung in den Abendstunden. Und da glaubten alle schon, der Tiefpunkt sei bereits Anfang Oktober erreicht worden, als  für eine Übertragung der DFB-Auswahl nur 5,82 Millionen ihren Fernseher einschalteten, um das 3:3 gegen die Türkei mitzuerleben. Corona zeigt uns also einmal mehr, was wirklich wichtig ist in diesen dunklen Tagen: Nicht die zuschauerlose Herumkickerei, sondern Werte, die in Kellern und auf Dachböden schlummern. Und für die beziehungsweise deren monetäre Einschätzung ist Horst Lichter  zuständig. Seine Trödelshow „Bares für Rares“ schauten 5,45 Millionen Augenpaare an den Bildschirmen. Kleinkarierte Gemüter werden sofort zum Taschenrechner greifen und sagen, das seien ja gerade mal 30 000 Menschen mehr gewesen und ob die Zählung überhaupt mit rechten Dingen vor sich gegangen sei. Wer weiß denn schon, ob die Zuschauer hingeschaut haben und nicht mit irgendwas anderem beschäftigt waren, etwa Bierholen oder den Abwasch machen oder die Sendung später in der Mediathek nachgeholt haben, was das Ergebnis ja völlig verfälschen würde. Erleben wir nicht gerade in den USA, welche verheerende Folgen falsche Auszählungen nach sich ziehen? Dort akzeptiert man ein Ergebnis völlig zu Recht erst dann, wenn man sich selber zum Quotenkönig raufgezählt hat. Denn nur die Wahrheit zählt – selbst wenn sie fake ist.

Auch in Spanien, einer der ältesten Kulturnationen, läuft momentan nicht alles rund. Dort ist nämlich die Restaurierung eines Kunstwerks missglückt. Und das schmerzt einen stolzen Spanier, selbst wenn es sich nicht um Kathedralen oder Paläste handelt, sondern um ein schnödes Bürogebäude im nordspanischen Palencia, das sich nur durch einen einzigen Buchstaben von seiner populäreren Schwester an der Ostküste unterscheidet. Mieter eben dieses Hauses hätten vor Jahren dessen Fassade renovieren lassen und sich dabei auch die Skulptur einer lächelnden Frau vorgenommen, sagte der lokale Künstler Antonio Capel. Das Resultat sah allerdings eher wie eine Comic-Figur aus. Ein Blumenhändler habe ihn darauf aufmerksam gemacht. „Ich war überrascht. Wie konnten die so etwas tun?“, fragte Capel. Dabei prangt die restaurierte Figur schon eine ganze Weile an dem Gebäude. „Das muss mindestens zehn Jahre her sein, und wir haben es erst jetzt herausgefunden“, sagte Capel. Nun, das wundert nun wiederum den Rest der Welt weniger, eilt den feurigen Südwesteuropäern doch der Ruf voraus, Meister der Prokrastination zu sein. Nicht von ungefähr ist schließlich „mañana“ eines der wichtigsten spanischen Wörter.  no/dpa