Die Kunst des Sparens bei der Kunst

Trier · Dass es angesichts leerer öffentlicher Kassen für Theater künftig weniger Geld geben wird, ist allen Beteiligten klar. Wie aber die Kultur-Dinosaurier mit weniger Mitteln auskommen sollen, ohne etappenweise auszusterben, dafür gibt es bislang kaum Konzepte. Auch nicht in Trier.

 Abendkassendienst aus Personalnot: Intendant Gerhard Weber. TV-Foto: Dieter Lintz

Abendkassendienst aus Personalnot: Intendant Gerhard Weber. TV-Foto: Dieter Lintz

Den rund 50 Theaterfans, die kürzlich eine Vorstellung der Theater-Produktion "Nipple Jesus" in der Europäischen Kunstakademie besuchten, bot sich ein ungewohnter Anblick: An der Abendkasse saß Intendant Gerhard Weber und verkaufte, freundlich lächelnd, Karten. Der Umsatz blieb bescheiden, die meisten Tickets waren schon im Vorverkauf weggegangen. Für den Umstand, dass ausgerechnet der teuerste Mitarbeiter des Hauses seine Zeit an der Kasse zubrachte, hatte Weber eine Erklärung: Das eigentliche Kassenpersonal stehe aus Dienstplangründen nicht zur Verfügung, und eine Hilfskraft für ein paar Euro zu verpflichten, sei ihm "rechtlich nicht gestattet".

Des Intendanten hilflos-sympathisches Engagement wirft ein Licht auf die Mysterien des deutschen Theaterbetriebs. Und auf die angespannte Situation am Trierer Theater. Dort soll Gerhard Weber kräftig sparen, mitten im laufenden Betrieb. Seine Verträge für die Spielzeit 2011/12 sind längst geschlossen, die Ausgaben festgelegt. Sparen kann er eigentlich nur noch an den drei Monaten der nächsten Saison, die ins Haushaltsjahr 2012 fallen. Das sei "schon ein bisschen schwierig", räumt selbst Kulturdezernent Thomas Egger ein, der Weber den Sparkurs verordnet hat, es gebe halt "nur wenige beeinflussbare Faktoren".

Einen Plan B für den Ernstfall haben in Trier offenbar weder Theatermacher noch Kulturpolitiker. Den Auftritt des Theaters bei den geheimen Budgetverhandlungen im Kulturausschuss letzte Woche bezeichnen selbst wohlmeinende Ratsmitglieder als "ziemlich konfus". Aber auch die Verwaltung bleibt die mehrfach angekündigten Strukturüberlegungen bislang schuldig.

Anderswo ist man da weiter. Unter dem Druck der Finanzen überlegen viele Theater neue Ansätze. "Manche tun sich mit Veränderungen schwer, andere setzen längst auf eine Professionalisierung des Managements", sagt Martin Dehli von der Kultur-Beratungsfirma Actori in München. Er ist dieser Tage ständig zwischen Nordrhein-Westfalen und Leipzig unterwegs, um Gutachten zur Erhaltung, aber auch zur Kostenreduzierung bei Orchestern und Theatern zu erarbeiten. "Massenware ist Tod auf Raten" Dehli ist kein Plattmacher, im Gegenteil, er sieht sich als Kulturerhalter. Sein Credo: "Die Kunst ist, so zu sparen, dass es möglichst keine Verluste bei der Kultur gibt."

Er zielt auf effektivere Strukturen und bessere Ausschöpfung der Einnahmen, vor allem beim Sponsoring. Da liegt er nicht einmal so weit von Intendant Weber entfernt. Wenn man auf den kulturellen Anspruch verzichte und nur noch Massenware produziere, sei das "der Tod auf Raten", sagt der 60- Jährige, dessen Vertrag in Trier noch bis 2015 läuft.

Die Frage ist nur: Was sagt das Publikum? Berater Dehli bringt es auf eine knappe Formel: "Die Frage ist nicht, ob die Stadt ein Theater braucht, die Frage ist, ob sie ein Theater will." Aber gerade da sind die Trierer und ihre Nachbarn bislang sehr zurückhaltend. Des Intendanten Alarmruf, die Existenz des Hauses sei gefährdet, führte bislang ebenso wenig zu Massenprotesten wie die entsprechenden Aufrufe des Ensembles. Der geplante Abriss einer Tankstelle im Trierer Alleenring sorgte für weitaus mehr öffentliche Wallung als die Theater-Sparmaßnahmen. Konsequenz: Im Gespräch mit Theater-Angehörigen ist der Frust oft nicht zu überhören.


Extra

Martin Dehli, Experte für Kulturmanagement. Dehli arbeitet beim Münchner Kultur-Consultingunternehmen Actori und hat gerade ein bundesweit beachtetes Gutachten für die Theater in Leipzig erstellt. Er wird Gast beim TV-Forum sein. D

ie Theater sagen, alle Sparmöglichkeiten seien ausgereizt. Wo sind denn aus Ihrer Erfahrung noch Spielräume?
Dehli: Man muss sich die Produktivität eines Theaters im Verhältnis zu anderen ansehen. Wie ist der Spielmodus in einzelnen Sparten? Sind die Hauptbühnen optimal genutzt, ist die Technik effektiv eingesetzt? Aber da gibt es keine einfachen Lösungen, es kommt auf jeden Einzelfall an. Viele Theater sind, wie auch in Trier, städtische Ämter.
Ist die Kommunalbürokratie der richtige Rahmen für einen Betrieb mit Millionen-Umsatz?
Dehli: Der Wechsel der Rechtsform löst alleine noch nicht die Probleme. Aber wenn man umstellt, etwa auf eine GmbH, besteht die Chance, dass sich das Denken längerfristig ändert. Entscheidend ist, ob es gelingt, Bewegung in die Köpfe der Mitarbeiter zu bringen. Aber das kann eine Generation dauern.

Ausgabenreduzierung ist die eine Seite, die Theater könnten aber auch versuchen, höhere Einnahmen zu erzielen. Wie viel Potenzial steckt darin?
Dehli: Marketing und Öffentlichkeitsarbeit sind enorm wichtig, sowohl für die Gewinnung zusätzlichen Publikums als auch für das Standing des Theaters im öffentlichen Diskurs. Öffentlichkeitsarbeit ist immer gleichzeitig auch Arbeit an den Einnahmen, Intendanten unterschätzen das oft. Professioneller Vertrieb und gut funktionierender Ticketservice, aber auch intensive Sponsorenarbeit spielen ebenfalls eine große Rolle, wenn es darum geht, die Ressourcen zu mobilisieren. Das ist längst noch nicht ausgereizt. DiLExtra

Der TV und die Gesellschaft der Theaterfreunde Trier laden zur Diskussion am Montag, 21. November, um 19.30 Uhr im Theater ein. "Spar-Opfer Kultur? - Wie geht es weiter mit dem Theater Trier?" heißt das Thema der hochkarätigen Runde. Neben Kulturdezernent Thomas Egger und Intendant Gerhard Weber sitzen auch Kajo Pieper vom Kulturministerium, der Direktor des Deutschen Bühnenvereins, Rolf Bolwin, der Kulturconsulting-Experte Martin Dehli und TV-Redakteur Dieter Lintz auf dem Podium. Moderation: Susanne Rendenbach von der Gesellschaft der Theaterfreunde. Eintritt frei.