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Die Liebe zum Risiko

Die Liebe zum Risiko

Er ist gerade mal 30 und gilt als herausragendes Talent unter den Opernregisseuren: Sebastian Welker inszeniert in Trier das Musikdrama "Die Fliege" nach dem legendären Horrorfilm von David Cronenberg. Am Samstag ist Premiere im Großen Haus.

Trier. Die Art des jungen Mannes, von seiner Arbeit zu erzählen, hat etwas Magisches. Man hört ihm fünf Minuten zu, dann stellt sich das Gefühl ein, dass man keinesfalls verpassen darf, was er da fa briziert. Würde Sebastian Welker Abonnements verkaufen, müsste man sich um die Zukunft des Theaters keine Sorgen machen.
Im Moment fabriziert er in Trier. Zeitgenössische Oper, freilich eine solche mit sozialverträglicher Musik, von einem der berühmtesten Filmkomponisten der Welt, der auch den Soundtrack zum "Herrn der Ringe" komponiert und diverse Oscars, Grammys und Golden Globes abgeräumt hat. Howard Shore schrieb 1986 die Filmmusik zu dem Horrorfilm-Meilenstein "Die Fliege". Zwei Jahrzehnte später machte er eine Oper daraus, und die erlebt nun nach Paris und Los Angeles in Trier ihre deutsche Erstaufführung.
Klingt nach Risiko. Also genau das Richtige für Sebastian Welker. Mit 18 beschloss er, Opernregisseur zu werden, ließ Schule Schule und Studium Studium sein, suchte sich mit Kultregisseur Willy Decker einer der besten des Fachs als Lehrmeister und zog mit ihm von Stadt zu Stadt, von Inszenierung zu Inszenierung. "Ein unglaubliches Abenteuer" nennt er diese Zeit im Rückblick. 2007 blieb er als Regieassistent in Saarbrücken hängen, studierte nebenbei Gesang - und wäre womöglich Opernsänger geworden, hätte da nicht im Hause Welker mit Vater Hartmut schon ein enorm erfolgreiches Exemplar dieser Spezies existiert - er brachte es bis zum Wotan in Bayreuth.
Die Entscheidung für die Regie zahlte sich in geradezu schicksalhafter Weise aus. 2012 stand am Saarbrücker Staatstheater Wagners "Parsifal" auf dem Programm, und der Regisseur fiel kurzfristig aus. Die Intendanz war mutig genug, dem jungen Assistenten das Schlüsselwerk anzubieten, und der hatte vier Tage Zeit für ein Konzept, an dem andere Regisseure vier Jahre arbeiten. Welker kam, sah und eroberte den Gral mit einer frischen, intelligenten und bildmächtigen Interpretation.
Seither ist er gefragt. In Luxemburg inszenierte er eine schräg-originelle "Fledermaus", Saarbrücken lässt ihn im Frühjahr auf Verdis großen "Macbeth" los, und dazwischen liegt Trier mit der "Fliege". Die Welker übrigens nicht als Special-effects-Spektakel mit grauenerregender Maske spielen lässt ("Den Film zu kopieren interessiert mich nicht die Bohne"), sondern als dichtes Beziehungsdrama vor dem Hintergrund unbeherrschbarer Technologien.
Es ist seine erste Produktion an einem kleinen Stadttheater. Er nennt die Arbeit "sehr intensiv", lobt das Engagement aller Beteiligten. Das klingt ehrlich, nicht routiniert. Routine ist eh nicht sein Ding. "Ich werde kein Fließband-Regisseur", sagt er, und die Augen blitzen. Der Mann ist für Überraschungen gut.Extra

Der oscar-prämierte Film "The Fly" (Die Fliege) des kanadischen Regisseurs David Cronenberg gilt als epochal im Genre des Horrorkinos. Er zeigt die Verwandlung des Wissenschaftlers Seth in ein Insekt, nachdem ihm beim Versuch, sich von einem Ort zum anderen zu beamen, eine Fliege in sein Deportationsgerät geriet. Seine Höllenfahrt hat auch fatale Folgen für seine Freundin, die Journalistin Veronica, die von dem Mutanten schwanger wird. 2008 schrieben Komponist Howard Shore und Librettist David Henry Hwang für Paris eine Opernversion, die David Cronenberg im Théâtre du Châtelet inszenierte. Placido Domingo dirigierte. In Trier liegt die musikalische Leitung bei Joongbae Jee, die Hauptrollen singen Alexander Trauth und Kristina Stanek. DiL