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Die Macher des Eifel-Literatur-Festivals, des Mosel Musikfestivals und der Eifel-Kulturtage erzählen, wie sie in der Pandemie planen

Festivals : Wie die Kulturszene in der Pandemie-Zeit plant

Die Festivalmacher des Eifel-Literaturfestivals, des Mosel Musikfestivals und der Eifel-Kulturtage erzählen, wie Corona ihre Planungen über den Haufen geworfen hat, warum man diese Phase auch als Chance nutzen könnte oder was sie am Kulturbetrieb maßlos stört.

Einer ist richtig sauer und hofft, dass die Zusammenarbeit mit Agenturen und Künstlern sich grundlegend ändert. Einer hat aus der Krise schon viel gelernt und hält fast alles weiterhin für möglich. Und einer startet mitten in der Pandemie nochmal durch. Der TV hat mit den Machern des Eifel-Literatur-Festivals, des Mosel Musikfestivals und der Eifel-Kulturtage darüber gesprochen, wie sie sich in einer Zeit voller Unsicherheiten auf die Saison 2021 vorbereiten.

Eifel-Literatur-Festival: Josef Zierden zieht es noch mal durch

Wenn es im Leben immer so käme, wie man das irgendwann mal geplant hatte, dann würde Josef Zierden jetzt viel Zeit in seinem Lesesessel verbringen, an seinen Memoiren schreiben und wehmütig zurückblicken auf 25 Jahre Eifel-Literatur-Festival. Die für 2020 geplante Lesung mit Thriller-Autor Sebastian Fitzek sollte für den Festivalgründer zum Schlusspunkt werden. Danach wollte er sein Baby in andere Hände übergeben, um nach überstandener Krankheit mehr Zeit für seine Familie und sich selbst zu haben.

Doch dann schlug das Leben seine Haken. Zum einen ging es Zierden wieder so gut, dass Loslassen ihm offenbar keine so attraktive Lösung mehr schien – zumal seine „Herzenswunsch-Autorin“ und jemand mit Nobelpreiswürden bekundeten, gerne in der Eifel lesen zu wollen. Zum anderen kam Corona und verschob die Fitzek-Lesung immer weiter nach hinten.

Nun wird sie Teil des Eifel-Literatur-Festivals 2021, das auch dazu gedacht ist, herauszufinden, ob eine kompakte Form des Festivals ohne großen bürokratischen Aufwand finanziell machbar sei. Wie groß die finanzielle Herausforderung wegen der Pandemie werden würde, hatte Zierden allerdings nicht geahnt, als er sich auf die Fortsetzung des Abenteuers einließ.

„Ich muss brutal realistisch davon ausgehen, dass nicht mehr als 25 Prozent der normal üblichen Ticketeinnahmen möglich sind“, sagt Zierden. Steht wegen der Hygienekonzepte in den Hallen doch nur ein Bruchteil der Plätze zur Verfügung.

So decke das gerade einmal die Ausgaben für Autorenhonorar, Übernachtung, Fahrtkosten und Verpflegung. Nicht jedoch jene für Saalmiete, Technik, Graphik, Druck oder Vertrieb der Prospekte. Trotz des finanziellen Risikos hat Zierden sich entschieden, das Festival mit seinen zehn Lesungen an verschiedenen Orten durchzuziehen. „Lieber eine kleine Feier des Lesens als überhaupt keine.“ Möglich sei dies nur Dank der Sponsoren, die ihre Unterstützung von 2018 (als das Festival noch mehr als doppelt so viele Lesungen hatte) für die kleinere Variante des Jahres 2021 „ganz unkompliziert“ in gleicher Höhe fortgeschrieben hätten. Als Dank kommt Zierden den Geldgebern entgegen, indem er Lesungen vor ihrer Haustüre stattfinden lässt – auch wenn dort vielleicht nicht die größten Säle der Eifel liegen.

Wie und ob es nach 2021 mit dem Festival weitergeht, ist völlig ungewiss. Laut Zierden gibt es zwei Möglichkeiten. Entweder seine Wunsch-Nachfolgerin, die Prümer Buchhändlerin Sabine Rehm, übernimmt. In diesem Fall werde er sich komplett aus der Organisation zurückziehen, kündigt er an. Wenn Rehm die zeitintensive Aufgabe doch nicht übernehmen kann, dann behält sich der Prümer vor, „Einzelveranstaltungen nachzuschieben“. Nobelpreisträgern konnte er ohnehin noch nie widerstehen.

Wer außer Fitzek 2021 alles liest, bleibt bis zur Pressekonferenz am 6. November Zierdens Geheimnis.

Mosel Musikfestival: Tobias Scharfenberger und die Erfahrungen des Corona-Sommers

„Selbstverständlich planen wir eine Saison!“, sagt Tobias Scharfenberger, Intendant des Mosel Musikfestivals.

Keine Kultur, keine Konzerte, keine Veranstaltungen – das sei keine Alternative und keine Antwort auf eine solche Situation. „Wenn wir, und damit meine ich nicht nur das Mosel Musikfestival, nichts anbieten, verspielen wir die Kultur und nicht zuletzt auch einen Wirtschafts- und Standortfaktor.“

Ab dem 4. Dezember will er mit einem Spielplankonzept aufwarten, in das die Erfahrungen des Pandemie-Sommers 2020 eingeflossen sind. „Wir waren in der glücklichen Lage, dass wir Dank Zuwendungen der öffentlichen Träger, unserer Sponsoren, des Fördervereins und zahlreicher privater Spender eine Vielzahl an Konzerten umsetzen und auch Experimentelles ausprobieren konnten“, sagt der Intendant. Das biete eine „gute Erfahrungsgrundlage“ für sichere, atmosphärisch schöne und künstlerisch anspruchsvolle Konzerte.

„Kein einziger professioneller Kulturveranstalter ist in der zurückliegenden Saison ein Corona-Hotspot oder Super-Spreader-Event gewesen“, betont Scharfenberger. Ganz im Gegenteil. Die vergangene Saison habe bewiesen, dass vom Live-Konzert mit bis zu 350 Zuhörern bis hin zu ganz experimentellen Formaten alles möglich sei.

Und das nicht nur Open Air, sondern in allen Sälen, die man ordentlich belüften könne und die ein Einbahnstraßensystem ermöglichten. Es sei eher die Frage, wie man so etwas wirtschaftlich stemmen kann.

Und wie gelingt dies dem Mosel Musikfestival, das immerhin rund zwei Drittel seiner Einnahmen selbst erwirtschaften muss? Gemeinsam mit seiner Kollegin Lilian Erbel, der kaufmännischen Geschäftsleitung, habe er 2019 begonnen, das Festival als Kulturunternehmen weiterzuentwickeln, sagt Scharfenberger. Das zahle sich nun aus.

„Wir konnten von etlichen Förderprogrammen profitieren und kümmern uns nun auch sehr um die Akquise von Drittmitteln ganz unabhängig von der Pandemie“, sagt der Intendant, der sich allerdings manches anders wünschen würde. So sähen Förderprogramme von Land- und Bund meist vor, dass man das Geld bis zum 31. Oktober oder 31. Dezember verwendet haben muss. „Angesichts einer so unsicheren Situation ist das nicht immer möglich. Hier wäre es gut, wenn Fristen verlängert werden könnten oder Rücklagen gebildet werden dürften.“

Scharfenberger sieht die Gefahr, trotz aller Hilfsprogramme die große kulturelle Vielfalt zu verlieren. Viele der Künstlerinnen, Künstler und Agenturen lebten derzeit von ihren Rücklagen, weil die Hilfsmaßnahmen für Solo-Selbstständige nicht wirklich griffen.

Theater, Museen, Konzertpodien seien nicht nur schmückendes Beiwerk, das den Alltag versüßen soll. „Hier werden Träume geträumt, Ästhetik erfahren, Glaubensfragen verhandelt und gesellschaftliche Umbrüche gedacht.“ Es sei keine Alternative, alles in den digitalen Raum zu verlagern. „Sonst überlassen wir etwas, das uns als Menschen ausmacht, einem anonymen digitalen Kosmos. Debatten können dort nicht mehr in einem echten Diskurs geführt und verhandelt werden – eine verstörende, mitunter banale Welt der likes und dislikes, fiebrig und überreizt. Dem wollen und müssen wir etwas Schönes und Kreatives entgegensetzen“, findet der Intendant.

Eifel-Kulturtage: Rainer Laupichler fordert, die Krise zum Umdenken zu nutzen

Einen Teil der Eifel-Kulturtage 2020 musste Rainer Laupichler absagen. Einen anderen Teil hat er aufs kommende Jahr verschoben. „Dabei habe ich einen gedanklichen Fehler gemacht“, sagt er. Nämlich jenen, zu hoffen, dass Dinge besser werden. Noch immer deutet allerdings wenig darauf hin, dass es 2021 wieder möglich sein wird, viele Menschen auf engem Raum zusammenkommen zu lassen. Und so muss er nun auch verschobene Veranstaltungen absagen, um andere Formate planen zu können. „Ich werde versuchen, so viel wie möglich nach draußen zu verlegen“, sagt der Festivalchef. Zudem will er für jeden Veranstaltungsort einen zweiten, größeren in der Hinterhand haben.

Das, was für Veranstalter wie ihn normalerweise ein Nachteil ist – nämlich kein Haus als festen Veranstaltungsort zu haben – erweist sich nun als Vorteil. Kein Haus – keine laufenden Kosten. Mit einer schwarzen Null werde er aus diesem Jahr rausgehen, sagt Laupichler, betont allerdings auch: „Wenn die Sponsoren nicht so treu wären, dann wäre es vorbei.“ Genau wie Scharfenberger ist es ihm entsprechend der Förderrichtlinien nicht möglich, Rücklagen zu bilden. „Dieses Modell ist fragwürdig“, sagt er. Denn in Situationen, wie sie nun eingetreten ist, fehle jeder Speckgürtel.

Der Macher der Eifel-Kulturtage sieht in der Krise allerdings auch eine Chance, nämlich jene, innezuhalten und mal ein paar grundsätzliche Dinge zu diskutieren. „Ich hoffe, dass durch Corona ein Umdenken stattfindet“, sagt er. Nicht selten bekomme der Künstler 70 Prozent aller Einnahmen. Vom Rest müsse der Veranstalter den Saal, die Techniker, sein Team, die Gema und das Hotel bezahlen. Es könne nicht sein, dass eine Person 70 Prozent der Einnahmen mitnehme, „und wir laufen bettelnd durch Deutschland und suchen Sponsoren“. Am kooperativsten seien oft die Künstler, die Geld selbst am nötigsten hätten. Das tue ihm in der Seele weh.

Ein gelungener Abend zeichne sich dadurch aus, dass Künstler und Publikum eine Symbiose bildeten. „Aber im Hintergrund geht es oft nur um Geld“, klagt Laupichler. Es gebe Künstler, die nicht mal für 6000 Euro am Abend spielten. „Am Abend! Viele Leute verdienen 2000 Euro netto im Monat. Und dann werden noch besondere Forderungen gestellt!“

Rainer Laupichler Foto: Eifel-Kulturtage
Tobias Scharfenberger Foto: Pro Musik/Simon Engelbert/Simon Engelbert

Agenturen seien wie Teppichhändler, doch das ändere sich nun. „Der ganze Kulturbetrieb muss verstehen, dass es ohne Veranstalter keine Veranstaltungsorte gibt, und dann kann jeder Künstler seinem Opa ein Lied vorsingen.“ Er bitte darum, das mal zu überdenken.