Die Macht der lebenden Toten

Trier · Millionen werden heute Abend vor den Fernsehern sitzen, wenn die fünfte Staffel der Horrorserie "The Walking Dead" auf RTL 2 beginnt. Zombies, die blutigen Tabubrecher der 1970er und frühen 1980er, sind heute Superstars der modernen Fernsehwelt.

Trier. Die Angst des Menschen vor einem Biss sitzt tief. Sie ist die Basis zahlloser Tierphobien und des Horrorfilms. Die schlimmsten und gleichzeitig erfolgreichsten Schreckgespenster der Leinwand waren schon immer die Monster, die beißen. Der weiße Hai. Der Werwolf. Der Vampir - über Jahrzehnte der Superstar des Gruselkinos von Bela Lugosi in den 30ern bis zum zähnefletschenden Christopher Lee in den 60er Jahren.
Doch transsylvanischer Blutadel und den Mond anheulende Wolfsmenschen konnten das Publikum Ende der 60er kaum noch hinter dem Ofen hervorlocken. Der Schrecken der klassischen Beißer verblasste hinter dem Grauen der Realität, dem Napalmregen in Vietnam und der namenlosen Angst vor dem Atomkrieg der Supermächte.
Schlimmer als Vampire


Der Horrorfilm reagierte, er wurde härter. Der US-Filmemacher George A. Romero suchte und fand schließlich die logische Weiterentwicklung zum Werwolf und zum Vampir: einen noch schlimmeren, noch furchterregenderen Beißer. Die von den Toten auferstandene Leiche, getrieben vom Hunger nach Menschenfleisch.
"Die Nacht der lebenden Toten" (original: The Night of the Living Dead) war die Premiere. Romeros Schwarzweißfilm zeigte 1968 zum ersten Mal wankende und stöhnende Gestalten, die sich auf jeden Lebenden stürzten, der in ihre Nähe kam. Mit grauenerregenden Bildern und einer von Hoffnungslosigkeit und einem aussichtslosen Überlebenskampf geprägten Handlung ist dieser Film bis heute ein Schlag in die Magengrube.
Der als Klassiker des Horrorfilms geltende Streifen blieb lange eine Randerscheinung, bis Regisseur Romero zehn Jahre später wieder zuschlug und den lebenden Toten mit "Dawn of the Dead" 1978 zum Weltstar machte. In Deutschland nannte der Verleiher den Film "Zombie". Eine Marke war geboren.
"Dawn of the Dead" gab die inhaltliche Richtung vor, der die Zombie-Filmfabrik bis heute treu folgt. Die Menschheit ist verloren, die Zivilisation ist tot, die lebenden Toten sind überall. Die wenigen Überlebenden kämpfen verzweifelt um jede Sekunde ihres von Menschenfressern bedrohten Daseins. Hoffnung auf Erlösung oder gar ein Happy End gibt es nicht.
Das ist auch die Ausgangslage der 2010 vom US-Privatsender AMC gestarteten Serie "The Walking Dead", die auf einer gleichnamigen Comicserie von Autor Robert Kirkman und Zeichner Tony Moore beruht.
Unter der Führung von Deputy Sheriff Rick Grimes (Andrew Lincoln) schlägt, schießt und kämpft sich eine durch die Zombie-Gefahr zusammengeschweißte Gruppe durch die untoten Horden. Sie muss sich außerdem gegen noch lebende Gegner wehren, denn das Prinzip "Edel sei der Mensch, hilfreich und gut" hat in der Zombie-Apokalypse an Schwung verloren.
Doch die größte Gefahr ist der Verlust der eigenen Menschlichkeit. Der ständige Überlebenskampf macht aus Menschen Monster, aus Freunden Feinde, aus Aufrechten Gefallene. Mit diesem Prinzip wurde die brillant gespielte Horrorserie zu einem der gefragtesten Unterhaltungsprodukte weltweit.
Sechs Staffeln gibt es bereits, weitere werden folgen. Die fünfte läuft heute im deutschen Fernsehen an, die sechste begann am 11. Oktober in den USA. Der deutsche Seriensender Fox Channel spricht von 25 Millionen Zuschauern in 14 europäischen Ländern und 250 000 Fans pro Folge in Deutschland.
"The Walking Dead" ist die quotenstärkste Serie im frei empfangbaren US-Kabelfernsehen, gewann zwei Emmy-Awards und wurde für einen Golden Globe als beste Serie und neun Emmy Awards nominiert. In den USA erzielte der Start der fünften Staffel mit über 17 Millionen Zuschauern neue Rekordquoten.
In "The Walking Dead" ist nicht nur die von Zombies infizierte Welt gnadenlos - das Drehbuch ist es auch. Keine Serienfigur ist sicher. Jeden kann ständig ein furchtbares Schicksal ereilen - auch beliebte Charaktere, die von Anfang an dabei waren. So wird jede Folge wahrhaftig zur Zitterpartie - auf die sich zahllose Fans enorm freuen.