Die Renaissance der Renaissance

Die Renaissance der Renaissance

Das Collegium Vocale Gent hatte sich für seinen Auftritt in der Philharmonie Luxemburg kein leichtes Programm vorgenommen. Die sieben Sänger um Dirigent Philippe Herreweghe nahmen es mit einem ungewöhnlichen Werk der Renaissance auf: Orlando di Lassos "Lagrime di San Pietro".

Luxemburg. Philippe Herreweghe mag seine Sänger. Sehr sogar. Und so gibt es am Schluss des Konzertes im ausverkauften Kammermusiksaal der Philharmonie Luxemburg vor mehr als 200 Zuhörern gleich zweimal Küsschen für die Sopranistinnen und Handshakes für die Herren aus Alt, Tenor und Bass - einmal vor der Zugabe und einmal nach der Zugabe.
Die Zuneigung ist das eine, der Respekt vor dem Können und dem Verständnis der Musik das andere. Denn, so hat es der musikalische Direktor des Collegium Vocale Gent im Vorgespräch zum Konzert formuliert, für die Musik der Renaissance, besonders für die Orlando di Lassos (1532 bis 1594), brauche man Können und Köpfchen. Das beweisen die Sänger Dorothee Mields, Barbora Kabátková (Sopran), Benedict Hymas, Thomas Hobbs (Alt), Tore Denys, Benoît Arnould (Tenor) und Jimmy Holliday (Bass) aufs Vortrefflichste. Sie interpretieren di Lassos "Lagrime di San Pietro" (Die Bußtränen des heiligen Petrus) technisch brillant, chorisch gut eingespielt, ausdrucksstark und doch mit der gebotenen Disziplin. Schließlich ist das letzte Werk di Lassos - er schrieb es wenige Wochen vor seinem Tod - ein Stück der Gegensätze.
Auf der einen Seite steht die äußerst strenge musikalische Form: 21 geistliche Madrigale, gesungen von sieben Stimmen in drei Abteilungen. Die Zahl drei steht symbolisch für die heilige Dreifaltigkeit, die Zahl sieben für die heilige Maria.
Auf der anderen Seite stehen ein aufwühlender, vorwiegend in Italienisch verfasster Text des Dichters Luigi Tansillo (1568), der die Reue des Petrus, sein teils dramatisches Ringen mit dem Verrat beschreibt, sowie ausdrucksstarke musikalische Bilder. Gerade um diese Möglichkeiten nutzen zu können, hat di Lasso die ungewöhnliche Form des Madrigals gewählt, das eigentlich weltlichen Inhalten vorbehalten war. Diese Gelegenheit nutzte die Lasso und nutzen die Sänger ausgiebig: durch starke Polyphonie, vielstimmig ineinandergreifende Motivwiederholungen, wechselnde Besetzungen, Dissonanzen und chromatische Schritte. Dabei treten einige Stimmen punktuell hervor, um sich dann wieder in das Gefüge des Chores einzupassen. Diese expressive Interpretation mag auf manchen Kenner nicht homogen genug, zu unruhig wirken. Doch sie kommt an. Und so müssen die Musiker nach dem Schluss der Aufführung im tosenden Applaus gleich zweimal auf die Bühne. Die Renaissance der Renaissance.

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