1. Region
  2. Kultur

Die Revolution frisst ihre Kinder

Die Revolution frisst ihre Kinder

SAARBRÜCKEN. Die saarländische Landeshauptstadt probt den Aufstand: Nach dem Erfolgsmusical "Les Misérables" holt man zum Saisonstart Giordanos Revolutionsoper "André Chénier" auf die Bühne. So sehr sich das Sujet ähnelt: Die Produktionen könnten kaum gegensätzlicher sein.

Der Anfang irritiert. Eine Salon-Gesellschaft wie geleckt, alles weiß gepudert, selbst die Diener-Livreen spiegeln blitzblank. Das wirkt, als würde man die Kostüme einer antiquierten Rosenkavalier-Aufführung auftragen. Und hier sollen die sozialen Gegensätze ihre Sprengkraft entfalten, sollen über Nacht die Lakaien ihre Herrschaft auf die Guillotine jagen?Fast unmerklich setzt Regisseur Christian Pöppelreiter die er-sten Warnsignale. Die alarmierenden Berichte aus Paris stoßen auf wenig Interesse. Als der junge Dichter André Chénier in einem flammenden Appell auf die Lage im Lande aufmerksam macht, zieht man es vor, sich selbstgefällig im Salon-Spiegel zu betrachten. Irgendwann ist es zu spät: Angeführt vom Diener Gerard, kommen Hungernde und berauben die Reichen ihres Schmucks und ihrer Kleidung. Aber selbst im Angesicht der Katastrophe, in Unterwäsche und ohne Perücke, tanzt der Adel weiter Gavotte - er hat halt nichts anderes gelernt.Dieser groteske, angstvolle Totentanz ist nur eines von vielen magischen Bildern, die Pöppelreiter und sein Bühnenbildner Jörg Koßdorff finden. Dabei treiben sie der Handlung jede revolutionäre Hoffnung aus: Eine Spirale ins Elend beginnt sich zu drehen. Die Revolution vernichtet zunächst die alte Macht, dann frisst sie ihre Kinder: Erst die intellektuellen Idealisten wie den Dichter Chénier, dann die treuen Umstürzler wie den Diener Gerard. Das Volk, einmal losgelassen, will nur noch Blut sehen; es wird zum Schluss auch die kalten Technokraten der Macht hinweg fegen.Ein größerer Kontrast zur Musical-Version von "Les Misérables" ist schwerlich denkbar. Dessen Saarbrücker Produktion huldigt hemmungslos hohlem Revoluzzer-Pathos. Wo dort das Schlussbild die Revolutionäre buchstäblich in den Bühnen-Himmel hebt, holt Pöppelreiters "Chénier" die Umsturz-Nostalgiker gnadenlos auf den Boden der Realität zurück.Die Straße gehört den Henkern und Denunzianten

Dabei wird der Aktivist Gerard zur tragischen Hauptfigur: Während der schwärmerische Dichter Chénier noch vor dem Volks-Gerichtshof, der seinen Kopf fordert, von Ehre und Vaterland faselt, hat Gerard längst kapiert, was für ein mieses Geschäft seine Revolution ist. Seine große Ansprache ans Volk wird zur Farce, die Straße gehört längst den Denunzianten und den Henkern. Konsequent, dass auch er am Ende ein Opfer wird. Individuen haben keine Chance, Gerard und Chénier sind vor diesem Hintergrund genau so zum Scheitern verurteilt wie Maddalena, die Frau, die beide lieben.Zu Pöppelreiters konsequent stilisierten Bildern findet Leonid Grin mit dem Staatsorchester den kongenialen Ton. Giordanos spektakuläre, dramatische Musik (Spötter reden vom "besten Werk Puccinis") wird exakt ausmusiziert, präzise gedeutet, aber nie billiger Effekthascherei preisgegeben. Die Abstimmung zwischen Graben, Solisten und den prächtig aufgelegten Chören stimmt vom ersten bis zum letzten Takt.Beeindruckend Stefan Vinkes "Chénier". Dabei klingt die Stimme des dramatischen Tenors auf den ersten Eindruck eher schmucklos, ohne betörenden Schmelz. Aber er ist der komplizierten "Zweisprachigkeit" der Rolle gewachsen, holt souverän die heldischen Höhen, ohne bei den lyrischen Arien die Innigkeit und Intensität vermissen zu lassen.Stimmlich überzeugend, wenn auch darstellerisch bisweilen etwas steif: der Gerard von Alan Cemore. Ein gepflegter, kultivierter Bariton, der Durchschlagskraft erzielt, ohne auf das ganz große Volumen angewiesen zu sein. Eine Bank, wie stets in Saarbrücken, Barbara Gilberts Maddalena, prägnant Rupprecht Braun als Denunziant "Incroyable".Anhaltender Premieren-Jubel im unvollständig besetzten Staatstheater. Vielleicht sollte man die heiß begehrten Karten für "Les Misérables" nur noch im Paket mit den Tickets für "André Chénier" verkaufen.Weitere Vorstellungen: 25. und 28. September, 10., 22., 25. und 29. Oktober. Karten und Infos: 0681/32204.