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Die Rückkehr der glorreichen Zwei

TRIER. Wenn am letzten Januar-Sonntag der Vorhang zur unverwüstlichen Operette "Die Czardasfürstin" aufgeht, dürfen sich die Premierenzuschauer auf ein Wiedersehen mit zwei langjährigen Publikumslieblingen freuen. Für Nick Herbosch und Ferry Seidl ist es die Rückkehr in eine Welt, die sie maßgeblich mitgeprägt haben. ARRAY(0x1cdaca9d0)

"Wenn mir das einer gesagt hätte..." - Nick Herbosch sitzt auf einem der schmächtigen Theaterstühle im Chorsaal und staunt immer noch. Darüber, dass er drei Jahre nach einem herben gesundheitlichen Tief doch wieder jene Bühne betritt, die fast 25 Jahre sein Zuhause war. Und vielleicht noch mehr über den Umstand, dass er dort seinen alten Kollegen Ferry Seidl ("Wir haben uns irre gut verstanden") wieder trifft, mit dem er zuletzt vor mehr als zwei Jahrzehnten aufgetreten ist. Der Bassist Herbosch und der Tenor Seidl wären alleine einen Theaterabend wert, auch ohne Czardasfürstin. Wie auf Knopfdruck sprudeln sie ihre Geschichten heraus, von großen und weniger großen Erfolgen, von netten und weniger netten Intendanten, von Regisseuren, die sie liebten und solchen, die sie weniger mochten, weil sie, wie Seidl sagt, "aus dem Hintern einen Kopf gemacht haben und umgekehrt". Zwei Theater-Karrieren, die kaum unterschiedlicher hätten beginnen können. Herbosch, gebürtiger Belgier ("Schreiben Sie Flame, das ist wichtig!"), lernte in Antwerpen Schauspiel und große Oper, ehe er mit den klassischen Basspartien von Sarastro bis Kaspar an deutschen Stadttheatern reüssierte. Ferry Seidl, noch heute ein Operetten-Sonnyboy wie aus dem Bilderbuch, ging vom heimischen Budapest ins berühmte Raimund-Theater nach Wien, wo er unter seinem Künstlernamen Ferenc Bajor an der Seite von Stars wie Marika Rökk und Fritz Muliar spielte. In Trier, wo sie um das Jahr 1980 herum ein Engagement annahmen, stellte das Leben für die beiden damaligen Mittvierziger die Weichen völlig neu - in ganz unterschiedlicher Weise. Herbosch erlitt 1984 einen schweren Herzinfarkt und entschloss sich nach der Rekonvaleszenz, verstärkt das leichtere Fach zu suchen. Statt der Opern-Heroen gab er öfter die Operetten-Könige - sein Trierer Fach-Nachfolger hieß damals übrigens Daniel Lewis Williams. Ferry Seidl, schon in Ungarn gelernter Musik- und Deutschlehrer, verabschiedete sich 1985 gänzlich vom Theater, hängte den Ferenc Bajor in den Garderobenschrank und zog einen unspektakulären, aber soliden Job im Schuldienst vor. Von Trier aber mochte sich keiner der beiden trennen. Herbosch blieb dem Theater treu, unter Intendant Stromberg, von dem beide heute noch schwärmen. Unvergessen sein Tevje in "Anatevka", aber auch die sperrige Rolle eines jüdischen Geigers im KZ, in der modernen Oper "Through roses". Seidl holte derweil sein Referendariat nach, widerstand allen Versuchungen, ihn zurück auf die Bühne zu holen, blieb aber als gelegentlicher Konzertsänger aktiv. Erst jetzt, im Ruhestand, lockt wieder das Rampenlicht. Dass sie jetzt noch einmal in intensiven Endproben für die Premiere stecken, sei "ein Wahnsinn", klingt es unisono. Ein gemütlicher Pensionärs-Job ist es keineswegs. Mit Ballettchef Grützmacher üben sie Tanz-Choreografien, Intendant und Regisseur Gerhard Weber triezt sie mit detailgenauen Dialog-Proben. "Richtig gut" finden sie das, man merke, dass Weber vom Schauspiel komme, "die nehmen den Inhalt genau". Das entspricht nicht gerade dem Operettenklischee. Aber die Vermutung, die leichte Form des Musiktheaters sei etwas, das man aus der hohlen Hand machen könne, stößt ohnehin auf energischen Widerspruch. Gerade die Leichtigkeit, sagt Herbosch, sei ebenso wie der Mix aus Wort, Gesang und Tanz "für die Darsteller höchst anspruchsvoll".Das vermeintlich Leichte ist ganz schön schwer

Das hat sich nicht geändert, seit ihrer letzten gemeinsamen "Czardasfürstin" vor einem Vierteljahrhundert, als ein Junge namens Thomas Kiessling im Extra-Chor seine ersten Sporen verdiente. Damals sang Seidl den jungen Grafen Edwin und Herbosch den augenzwinkernden Lebemann Feri Bacsi. Jetzt singt Kiessling den Grafen, Seidl (in seiner achten Czardasfürstin-Produktion) den Feri Bacsi, und Herbosch leiht dem Fürsten Weylersheim sein immer noch beeindruckend sonores Sprechorgan. Und vielleicht wird ja auch im Saal mancher nostalgische Gefühle entwickeln, weil er damals auch schon dabei war.