Die Rückkehr der Spießer

Trier · Von Heinz Erhardt bis Mario Barth: Deutschlands Spaß-Kultur hat sich gewandelt. Die Zeit der Humor-Anarchie um RTL Samstag Nacht ist vorbei. Ein Streifzug durch die Geschichte der deutschen Comedy ist voller Wehmut.

"Hallo? Hallo Sie?" - Vor 17 Jahren wusste fast jeder, wie dieser Spruch weitergeht. Für die, die es nicht (mehr) wissen: "Dürfte ich Sie mal an die Bheke titten?". Mit den Sketchen der Reihe "Kentucky schreit ficken" haben Stefan Jürgens, Tanja Schumann und Olli Dittrich bei "RTL Samstag Nacht" 1996 Fernsehgeschichte geschrieben. Drei Jahre zuvor ging Samstag Nacht auf Sendung: Die jetzt erschienene Komplettausgabe umfasst nicht weniger als 93 Stunden Material, das ganze Renegationen pegrägt - Pardon, Generation geprägt - hat. Sie verknüpften die in Deutschland aufkommende, tabulose Stand-Up-Comedy mit parodistischem Kabarett und klassischem Slapstick. Heraus kam Fernseh-Anarchie. Mit der DVD-Box setzt sich die Sendung ein Denkmal, vielleicht aber auch ihren Grabstein. Die Comedy von Samstag Nacht blieb ein Phänomen des Zeitgeistes, das mit der spießigen Harmlosigkeit ihrer Vorgänger gebrochen hatte.

Rückblick: Das zerbombte und geteilte Deutschland sehnte sich nach leichter Unterhaltung: Heimatfilme und leichte Komödien waren Publikumsschlager. Doch dem Muff der Nazi-Zeit - in der der Führer wohl der größte Witz von allen war - , folgte im Westen der Mief des Kleinbürgertums.

Einer der ersten, der das parodistische Potenzial dieser Zeit der sauber gepflegten Vorgärten erkannte, war Heinz Erhardt in seiner Paraderolle als Spießer Willi Winzig. Filme mit Winzig waren Kassenschlager, Erhardts blitzgescheiter Humor und Wortwitz waren Mainstream. Auch heute noch gehört Erhardt zum beliebten sonntäglichen Kaffee-und-Kuchen-Beiprogramm. Die Bloßstellung der Lächerlichkeit der Mief-Gesellschaft bleibt von den meisten Deutschen immer noch unbemerkt.

Das Kleinbürgertum überlebte die Ära Erhardt - und auch den derben Humor eines beliebten Fernseh-Ekels: Alfred Tetzlaff durfte bei "Ein Herz und eine Seele" erst im WDR in Schwarz-Weiß, später deutschlandweit in Farbe die Sau rauslassen.

.Emanzipation und politische Extreme



Seine Spießer-Tiraden gegen Frauen, Ausländer und Ossis waren Mainstream, weil sie das gesellschaftliche Klima der 70er mit seinen Grundsatzdiskussion über Emanzipation, politische Extreme und akute Ausländerproblematik durch die Gastarbeiterwellen reflektierten. Das Ekel erreichte viele Leute. Im kollektiven Gedächtnis bleibt heute aber wirklich nur noch die alljährlich wiederholte Silvester-Episode, in der sich Alfred wie Restdeutschland um den Verstand trinkt.

Ganz Fernsehdeutschland erreichten schon in den 70ern nur die Samstagabendshows. Peter Frankenfeld, Peter Alexander und Rudi Carrell lieferten gepflegte, familientaugliche Unterhaltung, bei der sich in gespielten Witzen so etwas wie Humor abzeichnete. Überhaupt waren die 70er und 80er vom (gespielten) Witz vom Schema "Kennste den?" geprägt. Harald und Eddi (Arend), Diether Krebs und Iris Berben, Fips Asmussen sowie Otto auf Platte und im Film, Karl Dall, Didi "Flasche Pommes" Hallervorden, Pauker-Filme und Supernasen - was zählte, waren Pointe und Performance. Inhaltlich wurde es banal, die Fallhöhe der Gags gering. Nach überstandenen Problemen durch RAF und Ölkrise fehlte es Humor-Deutschland offensichtlich an gesellschaftlichen Reibungen.

Mitten in die plätschernde Ruhe des 80er-Humors platzten die privaten Sender. Lauter, bunter, tabuloser, RTL: Das Tutti-Frutti der Comedy war zunächst "Alles nichts, oder?" mit der schrillen Lesbe Hella von Sinnen - so viel gewolltes Dada im Fernsehen hatte es so noch nicht gegeben. Dann kam RTL-Samstag Nacht mit ihrer Persiflage der postmodernen Kultur. "Zwei Stühle, eine Meinung" karikierte Mediensternchen, "Sehnen einer Zehe" die Un-Mode der Sitcoms und "Kentucky schreit ficken" eben auch die Flut an Werbung im Fernsehen.

Die Zielgruppe der 14- bis 49-jährigen fuhr darauf ab. Es entstand ein Generationenkonflikt, der häufig im Familien-Streit um die Fernbedienung eskalierte, wenn Gottschalk im ZDF so lange überzog, bis Samstag Nacht schon längst angefangen hatte.

Und heute? Die Pointe ist zurück. Auch wenn es nur eine ist. One-Witz-Wonder vom Schlage Mario Barths haben den einstigen Revolutionssender RTL gekapert. Finanzkrise, Hartz IV, Afghanistan, Teflon-Politiker - die gesellschaftliche Reibung ist wieder da. Doch Comedy 2010 zielt auf die Konflikte Mann-Frau, Mensch-Behörde, Bürger-Unterschicht. Kaya Yanar und Cindy aus Marzahn machen ihre Randgruppenfiguren lediglich zu Witzfiguren. Unter Paul Panzer und Atze Schröder ist die Stand-Up Comedy so harmlos wie das Einkaufen im Supermarkt. Das Kleinbürgertum hat gesiegt. Von Samstag Nacht bleibt nicht viel. Außer einem Song von Olli Dittrich und Wigald Boning als "Die Doofen". Darin geht es um Mief.

Meistgelesen
Neueste Artikel
Zum Thema
Aus dem Ressort