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Die Schatten der Vergangenheit

AUFGESCHLAGEN – NEUE BÜCHER: Grabesstern : Die Schatten der Vergangenheit

Die Kopenhagener Journalistin Heloise Kaldan recherchiert für eine Reportage am Ende des Lebens: Sie schreibt einen Artikel über Sterbebegleitung. Jan Fischhof heißt der Patient, den sie in seinen letzten Wochen regelmäßig besucht.

Bei ihren eher rudimentären Gesprächen – der alte Mann gleitet mehr und mehr in die Demenz ab – spricht er unversehens von einer schweren Schuld, die er auf sich geladen hat. Da er sein schlechtes Gewissen mehrmals erwähnt, beschließt Heloise, in seiner Vergangenheit nachzuforschen. Ihre Recherchen führen sie nach Südjütland an die deutsch-dänische Grenze, wo Fischhof gewohnt hat.

Dort hat es, wie sie von ihrem Freund, Kommissar Erik Schäfer, erfährt, vor Jahren Vermissten- und Mordfälle gegeben, bei der die örtliche Polizei die Nachforschungen nach überraschend kurzer Zeit und ergebnislos eingestellt hat. Was der sterbende Jan Fischhof damit zu tun haben soll, ist für Heloise zunächst ebenso unerklärlich wie das Schicksal eines gewissen Tom Mázoreck, der seinerzeit auf einer Nerzfarm gearbeitet hat und mit der 17-jährigen Mia, einem der vermissten Mädchen, befreundet war. Befragen kann Heloise ihn nicht mehr, denn er kam bei einem Bootsunfall ums Leben. Aber war es wirklich ein Unfall?

Obwohl der Fall bereits 20 Jahre zurückliegt, stößt Heloise mit ihren Nachforschungen in der dänischen Provinz mitten hinein in ein immer noch summendes Wespennest, denn der oder die Täter von einst leben noch in der Gegend. Je näher Heloise ihnen auf die Pelle rückt, umso mehr setzt sie ihr eigenes Leben aufs Spiel. Doch sie entdeckt Dinge und Verbindungen, die die seinerzeit ermittelnden Beamten geflissentlich ignoriert haben – aus gutem Grund, wie sich herausstellt.

In „Grabesstern“ lässt die Autorin Anne Mette Hancocks ihre Protagonistin zum dritten Mal in kriminelle Abgründe hinabsteigen. Das Netz aus Handlungsfäden, das sie dabei webt, ist so dicht, dass sich nicht nur die Hauptfigur darin zu verheddern droht. Was die Geschichte allerdings nicht weniger spannender macht; eine Spannung, die quasi bis zur vorletzten Seite anhält. Denn erst dort kommt es zum ebenso überraschenden wie schockierenden Schlusspunkt – schockierend für Heloise Kandal und vollkommen überraschend für den Leser.

Fazit: Wer die Krimis skandinavischer Provenienz liebt, dem dürfte auch „Grabesstern“ sehr gut  gefallen. Rainer Nolden

Anne Mette Hancock, Grabesstern, aus dem Dänischen von Karoline Hippe, Scherz/Fischer, 380 Seiten, 15 Euro.