Die Schule ändert sich langsamer als die Kirche

Die Schule ändert sich langsamer als die Kirche

Kay Stöck war bis Januar 2016 Schulleiter in Hamburg-Wilhelmsburg, an einer Schule mit besonderen Herausforderungen. Um den Schülern wieder mehr Bildung zu vermitteln, spricht er unbequeme Wahrheiten aus und berichtet über seine Lösungsansätze.

Trier (chb) Einen Tag vor den Osterferien machten sich über 30 Lehrer und Schulsozialarbeiter auf den Weg in die Trierer Tufa. Sie wollten Kay Stöck erleben, den ehemaligen Rektor der Hamburger Stadtteilschule Stübenhöfer Weg, der durch eine Fernsehsendung mit dem provokanten Titel "Schule am Limit" über seine Region hinaus bekannt geworden ist. Eingeladen hatte Stöck die Gewerkschaft Erziehung/Wissenschaft. 50 bis 60 Prozent seiner Schüler hatten einen Lernrückstand von bis zu zwei Jahren, 50 Prozent lebten von Sozialhilfe oder Hartz IV, und 80 bis 90 Prozent hatten einen Migrationshintergrund. "Auf die Politik zu warten hätte in unserem Fall zu lange gedauert, wir mussten das selbst in die Hand nehmen, denn wer sonst sollte es tun?", erklärte er nun in Trier.
Zu seinen wichtigsten Zielen gehörte es, den Schülern bis zur zehnten Klasse die Grundkompetenzen in den Fächern Mathematik, Deutsch und Englisch zu vermitteln. "Das muss sitzen!", betont er. Dazu muss er bei vielen das Interesse wecken, dass sie Freude am Lernen bekommen. Das hat er mit Projekten erreicht, die an zwei Tagen in der Woche stattfinden. Im "Formel 1-Projekt" beispielsweise bauen die Schüler mit Hilfe von Experten Karosserien. Sie müssen selbst Sponsoren suchen sowie lernen zu rechnen und fangen an zu fragen: "Wie rechnet man das aus? Können Sie mir das erklären?" Das Ganze müsse strukturell verankert sein, findet Stöck.
Auch Schülerfirmen motivieren laut Stöck die Schüler. "Das macht Spaß, den Schülern und den Lehrern", so Stöck. Dass die Umsetzung nicht immer einfach war und es auch Rückschläge und Disziplinarstrafen gab, verschwieg er nicht. Wichtig ist für die Umsetzung von Ideen seiner Meinung nach, dass die Lehrer im Team arbeiten und bei ihrer Ausbildung mehr auf Didaktik und Praxis gesetzt wird. "Lehrer müssen Experten im Unterrichten sein", so seine These.
In der anschließenden Diskussion wollten die Zuhörer Beispiele hören, unter anderem, wie er die Lehrerausbildung verändern würde, wenn er könnte. Die Schüler als Menschen zu sehen und Begeisterung für das Lernen zu vermitteln, waren zudem zentrale Punkte der Diskussion. Stöck gab den Lehrern und Sozialarbeitern mit auf den Weg. "Warten WSie nicht, fangen Sie einfach an. Treffen Sie sich mit den Fachkollegen, schreiben sie auf, was sie tun wollen. Die meisten Kollegen werden mitmachen." Dann ergänzte er: "Denn die Schule ändert sich ansonsten langsamer als die Kirche."