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"Die sind wohl ganz anders"

"Die sind wohl ganz anders"

Ausstellung und Theater in einem: Das Trierer Künstlerkollektiv Bühne 1 verbindet im Exhaus verschiedene Kunstrichtungen zum Gesamtwerk. Das von der Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur geförderte Projekt Herz[stück ] befasst sich mit der Möglichkeit und Unmöglichkeit von menschlichen Begegnungen.

Trier. "Die sind wohl ganz anders", resümiert der junge Mann in blauem Hemd und kurzer Schlabberhose und bleibt in sich zurückgezogen auf dem Sofa sitzen. Seit einer Stunde wartet er auf die Postbotin, damit sie ihm das Paket bringt, das er sich selbst zugeschickt hat. Darin: ein Springteufel, der als Gesprächseinstieg dienen soll. Auspacken, erschrecken, miteinander reden, sich näher kommen. So zumindest der Plan des Einsamen. Einer von vielen, die er in der Stunde Wartezeit ausgesponnen hat.
"Zu einer realen Begegnung kommt es nie", verrät Michael Gubenko, Regisseur des Künstlerkollektivs Bühne 1, das das Stück auf die Bühne gebracht hat. Oder besser auf drei Bühnen. "Finnisch" heißt es, Martin Heckmann hat's geschrieben, in der Hauptrolle spielt Till Thurner den Mann, der so verzweifelt nach einer Möglichkeit sucht, sich jemandem anzunähern. Gespielt wird im Exhaus an gleich drei Orten: in der Turnhalle sowie im kleinen und im großen Exil. Jeweils auf einer alten Couch, hinter der sich mannshoch leere Pappkartons türmen.

Drei Akte in Endlosschleife


Zu sehen gibt es aber noch mehr als das: Das Künstlerkollektiv macht seinem Namen alle Ehre und versammelt regionale (Nachwuchs-)Künstler aus allen Sparten unterm dem Motto "herz[stück]", dessen Grundlage der gleichnamige Text des Dramatikers Heiner Müller ist, unter dem Dach des Exhauses. "Das Thema lautet "Begegnungen", wie kommt eine menschliche Begegnung zustande, und was lässt diese scheitern", erklärt Gubenko. Theater und Musik, aber auch Bildende Künste, Mode- und Spieledesign und Videoeinspielungen runden das "Theater- und Ausstellungserlebnis" ab, wie es in der Lagebeschreibung und im Zeitplan genannt wird. Über vier Stunden werden die drei Akte des Stückes, aber auch Musikperfomances und Videos, gezeigt, gibt es die Möglichkeit, Computerspiele auszuprobieren oder sich die Ausstellungsstücke anzusehen. "Wer will, kann alles auf eigene Faust erkunden, wir bieten die Möglichkeit einer Führung, aber es ist kein Muss", sagt Gubenko.
Auf dem Plan sind alle Aufführungszeiten der drei Akte des Stückes und alle Ausstellungsorte verzeichnet. "Das Stück ist so konzipiert, dass man jederzeit zusteigen kann. Alle drei Akte laufen in Endlosschleife den ganzen Abend über."
Wer alles von Anfang an sehen möchte, folgt dem roten Faden, den weißgewandete, stumme Statistinnen durch die Ausstellung tragen, den Zuschauer damit mal wie Kätzchen zum Spielen locken oder wie Fische durchs Treppenhaus angeln. Der rote Faden zieht sich auch durch die Raumgestaltung von Innenarchitekturstudentin Dinah Laurien Müller, die 25-Jährige hat Trennwände und Wegmarkierungen mit rotem Faden, Holzrahmen und Metallgestellen gestaltet und dies am Morgen der Premiere als Bachelorarbeit vorgestellt.
"Hier wurde ganz viel Fantasie und unterschiedliche Kunst zusammengebracht", schwärmt Oberbürgermeister Wolfram Leibe. "Es ist schön zu sehen, wie engagiert die jungen Leute sind und in dieser Stadt Lust auf Kunst machen; auch weil die klassischen Formate nicht mehr alle Menschen bedienen. Das ist auch die Aufgabe der Stadt Trier, zu unterstützen, dass neue Dinge ausprobiert werden."
Am Ende findet die Begegnung zwischen Einsamen und Postbotin nur in der Fantasie des Mannes statt. Zu groß ist die Hemmschwelle vor einer, ach so fremden Konversation. "Sie sind wohl ganz anders", kann der junge Mann nur resigniert feststellen. Als würden sie Finnisch sprechen, aber das heiße auf Englisch ja so etwas wie "Schluss".
Weitere Ausstellungstage: 21. und 22. Januar, 18 bis 22 Uhr im Exhaus; 4. Und 5. Februar in der Europäischen Kunstakademie. Außerdem findet eine kleine Ausstellung in der Galerie eigenArt in der Trier-Galerie vom 23. Januar bis 25. Februar statt.