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Die stille Kunst der Personenführung

Die stille Kunst der Personenführung

SAARBRÜCKEN. Der "Fliegende Holländer" im Einheitsraum und ohne Pause - mit diesem ungewöhnlichen Parforce-Ritt in der Regie von John Dew lockt das saarländische Staatstheater die Wagnerianer zwischen Trier, Metz und Luxemburg.

Bei Wagner klatscht man nicht dazwischen. Bei Rossini und Mozart, beim frühen Verdi: Da darf man, wenn das Lied gefallen hat, sofort jubilieren. Aber ein Wagnersches Gesamtkunstwerk zur Unzeit mit schnödem Beifall zu unterbrechen, ist untunlich und gilt als Ausweis opernmäßigen Banausentums. Meist ist das auch richtig so, aber manchmal fällt es schwer, auf spontane Ovationen zu verzichten. Zum Beispiel, wenn jemand mit einer einzigen Arie eine Oper so auf den Punkt bringt wie Barbara Gilbert als Senta mit der "Ballade vom Fliegenden Holländer". Da steckt die ganze Geschichte drin: von dem romantischen Mädchen, dessen Teenie-Fantasien sich um die herzzerreißende Geschichte vom Seemann drehen, der auf ewig verflucht ist, die Weltmeere zu durchqueren, bis ihn eine Jungfrau erlöst. Barbara Gilbert singt das ekstatisch, mit sich steigernder Intensität, einer Erscheinung gleich - und das Publikum fiebert mit. Erst aus dieser packenden Interpretation speist sich die höllische Spannung, wenn das Traumgebilde später tatsächlich vor ihr steht, aufgetaucht aus dem allgegenwärtigen Dunkel des Bühnenbilds. Es sind starke, einzelne Momente, die diese Aufführung lohnenswert machen. John Dew, einstiger Regie-Provokateur, hat sich ganz auf die stille Kunst der Personenführung konzentriert. Große Tableaus, neue Ideen sucht man in diesem Holländer vergebens. Die Handlung spielt sich meist in den Innenwelten ab, von kalten Rot- und Grautönen nur sporadisch erleuchtet. Das Bühnenbild von Thomas Gruber wirft mehr Fragen auf als es beantwortet. Dass man anno 2004 den Fliegenden Holländer auch ohne Schiff inszenieren darf, steht außer Frage. Aber die riesige Lager- oder Fabrikhalle, in der die Handlung abrollt, zwingt zu Aktionen ohne Logik. Dass sich Teile des Hallendachs niedersinkend in eine riesige "Showtreppe" verwandeln, beschert dem Holländer zwar einen effektvollen Auftritt, hat aber ebenso wenig Sinn wie der Umstand, dass die Matrosen in den Saal hinein singen, das imaginäre Schiff aber auf der entgegengesetzten Seite liegt.Der Chor ist eine Klasse für sich

Zumindest stehen Raum- und Regiekonzept der sängerischen Entfaltung selten im Weg, so dass sich das Hinhören vor allem bei den Hauptrollen uneingeschränkt lohnt. Egils Silins singt einen kultivierten, sorgfältig artikulierenden Holländer, dem nur bei der Auftritts-Arie etwas die Durchschlagskraft fehlt - was aber auch mit der Platzierung weit hinter dem Graben zu tun haben könnte. Barbara Gilbert wird zu Recht am Ende vom Publikum gefeiert. Glaubhaft vermittelt sie die Mädchen-Rolle, setzt Glanzlichter der Innigkeit und der emotionalen Ausbrüche, ohne jemals den Eindruck zu erwecken, die Grenzbereiche ihrer Stimme auszuloten. Mit Stefan Vinke hat sie einen stimmlich kraftvollen, aber auch den Feinheiten der Partitur jederzeit gewachsenen Partner, der den zwischen Zorn und Verzweiflung schwankenden Verlobten Erik überzeugend verkörpert. Die weiteren Solo-Rollen sind mit Patrick Simper, Algirdas Drevinskas und Manou Walesch für ein Ensemble-Theater sehr respektabel besetzt, auch wenn sie ein Stück weit vom Ideal entfernt bleiben. Eine Klasse für sich: der Chor. Schon in der "kleinen Besetzung" des ersten Akts entfaltet er enorme Durchschlagskraft, bei den Glanzstücken im 3. Aufzug jagt er dem Publikum Schauer den Rücken hinunter. Michele Carulli lässt das Saarländische Staatsorchester temperamentvoll aufspielen, weit ab von der gespreizten Gravität, mit der Wagner gelegentlich zelebriert wird. Das pulsiert so kräftig aus dem Graben, dass man die Düsternis auf der Bühne gelegentlich vergisst. Vielleicht sind die pausenlosen 135 Minuten deshalb auch so schnell um. Und damit gibt es endlich Gelegenheit, den lange unterdrückten Beifall in gebündelter Form nachzuholen. Weitere Vorstellungen am 14., 20. und 27. März. Karten-Info: 0681/32204.