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Die tieftraurige Königin

 Generalmusikdirektor Victor Puhl dirigiert „Herzog Blaubart“. Archiv-Foto: Theater
Generalmusikdirektor Victor Puhl dirigiert „Herzog Blaubart“. Archiv-Foto: Theater FOTO: (g_kultur
Trier. Facettenreich und geheimnisvoll: Béla Bartóks Oper "Herzog Blaubart" in Trier Martin Möller

Trier "Die Wahrheit ist ein Rauch und ist ein Echo nur von eines Seufzers Hauch", zitiert Sprecher Christian Beppo Peters Vorrede und deutet damit das Ungewisse an, das sich in Bartóks Einakter "Herzog Blaubarts Burg" ereignet. Die Trierer Aufführung, die im Rahmen des 5. Sinfoniekonzerts stattfand und am Samstag zum zweiten Mal geboten wird, sie wahrt das Geheimnisvolle dieser bedeutenden Oper - gerade weil die konzertante Version auf Szenerie und auf Bilder verzichtet und sich auf deutsche Übertitel und eine dezente, durchdachte Lichtregie (Ulla Wentenschuh) beschränkt.
Gewiss: Bei einem kurzzeitig auf das Doppelte vergrößerten Orchester bleiben Unschärfen nicht aus. Und doch entfaltet sich bei Generaldirektor Victor Puhl und seinen Musikern der erstaunliche Farbenreichtum von Bartóks Instrumentation. Es ist ein fremdartig heller, planvoll künstlich wirkender Klang, ein Widerschein nächtlicher Diamanten-Pracht. Puhl spart bei den bedrängenden Höhepunkten nicht mit Intensität. Aber bei ihm und seinem Orchester dominiert doch jener langsame Pulsschlag, in dem die unabwendbare Tragik des Geschehens wiederkehrt.
Damit bereitet sich von Anfang an das düstere Ende vor. Und von Anfang an schwingt mit, was der allzu neugierigen Judit bevorsteht. Die Besetzung dieser Partie mit Bernadette Flaitz ist, schlicht gesagt, eine Sensation. Ihr Mezzosopran überstrahlt das Riesenorchester mit einer überragenden Wärme, Kultur, sängerischen Präsenz und einer dramatischen Prägnanz sondergleichen. Da schwingen in jedem Takt die Facetten dieser Figur mit - das Exaltierte der jungen, bedingungslosen Liebe, das Wissenwollen und auch das Besitzergreifende in der Neugier. Das ist ganz großer Operngesang.
Den Blaubart hat Bartók zurückhaltender angelegt - ohne die großen Gefühlsentladungen der Judit. Theater-Urgestein László Lukács sucht nicht nach sängerischer Selbstdarstellung. Er gibt dem Blaubart mit enormer Präzision und Klangkultur das Dunkle, das Resignativ-Verschlossene dieser Figur mit. Auch das ist große Oper. Am Ende gibt der Blaubart gegen die bedrängende Judit jeden Widerstand auf und gibt die Tür zu seinen ehemaligen Geliebten frei - Symbole für Morgen, Mittag und Abend. Und Judit geht ewig ein in Blaubarts Schattenreich - eine erschreckte, eine verzweifelte und dann abgründig traurige Königin der Nacht. Hätte dieser völlig undramatische und doch tiefberührende Einakter nicht besser für sich gestanden? Jedenfalls war der Kontrast groß zur frisch-fröhlichen Sterbe-Mystik, die Richard Strauss in seiner sinfonischen Dichtung "Tod und Verklärung" verbreitet.
Immerhin: Mal abgesehen von der allzu pedantisch musizierten, geradezu durchgezählten Einleitung war es ein wirkungsvoller Strauss und ein ungeschminkter, ein ehrlicher dazu.
Puhl verzichtete auf das Überredende, mit dem diese Musik prunken will. Das Orchester klingt nicht massiv, sondern erstaunlich aufgelichtet. Das Erlösungsmotiv, das Strauss Jahrzehnte danach in seinen vier "letzten Liedern" zitiert, es bleibt frei von demons-trativer Wucht. Und am Ende entfaltet sich der Orchesterklang zu einer befreienden Größe und Weite.
Dennoch: Der Kontrast zu Bartók war immens. Vielleicht sprachen einfach praktische Gründe für dieses Programm: Wo ohnehin zahlreiche Verstärkungen am Platz sind, lässt sich auch noch eine zweite Großbesetzung realisieren.
Die zweite Aufführung ist am Samstag, 18. Februar, um 20 Uhr im Trierer Theater.