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"Die Töne strömen bei ihr nur so"

"Die Töne strömen bei ihr nur so"

Lisa Wittig aus Trier gehört zu den größten musikalischen Talenten Deutschlands. Mit Maximal-Punktzahl hat sie den "Jugend musiziert"-Bundeswettbewerb für Sänger gewonnen. "Nebenbei" spielt die 16-Jährige auch Klavier und Saxofon.

Trier. 25 Punkte beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert": Das ist das Maß der Dinge. Eine Eins mit Stern. Herausragend. Der Ausweis, dass man in seinem Fach zu den größten Talenten der Republik gehört. All zu oft kann die Region sich über eine solche Auszeichnung nicht freuen.
Die exzellenten Trierer Flötistinnen Lea Sobbe und Lina Alirezania konnten in den letzten Jahren erste Preise auf Bundesebene einheimsen. Aber solo und mit Maximalpunktzahl: Da ist Lisa Wittig allein auf weiter Flur. Und das im schwierigen Gesangsfach, wo die Stimme vor dem 20. Lebensjahr in der Regel noch gar nicht so ausgereift ist, dass sie Höchstleistungen erlaubt.
Wer Wittig zuhört, käme freilich nicht auf Idee, er lausche einem Mädchen von gerade 16 Jahren. Sie klingt reif, erwachsen, souverän - und vor allem spielerisch leicht. "Lisa macht den Mund auf, und die Töne strömen nur so", sagt ihre Lehrerin Vera Ilieva von der städtischen Musikschule über das Naturtalent.
Ilieva, hauptberuflich als Sängerin am Theater, hat in den letzten drei Jahrzehnten fast alle großen Gesangstalente aus der Region unter ihre Fittiche genommen, steht in der Biographie etlicher Sänger als Referenz. Sie neigt nicht zu Euphorie, ihr Urteil ist nüchtern. Wenn sie nach vier Jahren gemeinsamer Arbeit sagt, Lisa sei "das größte Talent, das ich je hatte" und gehöre "zu den zehn Prozent, die begnadet sind", dann hat das Gewicht.
Aus Zufall zum Gesang


So viel Vorschusslorbeeren können freilich auch zu einer Bürde werden. Aber die Schülerin des Trierer Humboldt-Gymnasiums (HGT) macht in keiner Weise den Eindruck, mit ihrem Erfolg und den daraus resultierenden Erwartungshaltungen nicht umgehen zu können. Beim Bundeswettbewerb in Brandenburg hat sie sich alle 32 Konkurrenten angesehen, in Seelenruhe. "Außer mir hat das keiner gemacht, und der Jury ist es auch aufgefallen", sagt sie rückblickend.
Lisa hat mit vier angefangen, Klavier zu spielen, später kam das Saxofon dazu, das sie auch in der HGT-Big Band bläst. Die Sache mit dem Gesang war eher Zufall: Sie begleitete am Piano einen Sänger - und hatte irgendwann das Gefühl, den Gesangspart könne sie auch selbst übernehmen.
Lieber im großen Auditorium



Ein bisschen Selbstüberwindung gehörte allerdings dazu. Im heimischen Wohnzimmer ein Instrument zu spielen, war nie ein Problem. Aber singen, wo die eigene Familie zuhört? "Das war mir am Anfang echt peinlich". Bis heute, sagt sie, sei ihr ein großes Auditorium wesentlich lieber als Stuben-Atmosphäre. Da ist der Weg zum Berufswunsch programmiert. "Etwas anderes als Opernsängerin kann ich mir nicht vorstellen", lautet die klare Ansage. Bühnenerfahrung hat sie bei Ilievas Musiktheatergruppe "Pastorella" bereits gesammelt. Zur Musik soll deshalb irgendwann auch Schauspiel-Unterricht kommen. In der Schule, wo sie gerade die mittlere Reife absolviert hat, ist ihr Faible für klassische Musik schon etwas Exotisches. "Die meisten können damit nicht viel anfangen", erzählt sie. Fein Ziseliertes von Bach, Romantisches von Schumann, Emotionales von Puccini - also das Repertoire, mit dem sie den Bundeswettbewerb gewonnen hat - hat unter 16-Jährigen nicht gerade Konjunktur. Musikalische Gesprächsthemen gibt es trotzdem genug: Lisa Wittig hört Pop- und Rockmusik - "außer Metal", wie sie anmerkt.
Vor kurzem hat sie ihr erstes "richtiges" Konzert gegeben, in einer Kirche in Aschaffenburg. Der Kultur-Kritiker der örtlichen Tageszeitung kam vorbei, vielleicht nicht gerade begeistert, seinen Abend bei einer unbekannten Nachwuchs-Künstlerin zubringen zu müssen. Dann muss etwas passiert sein: Der Mann schrieb von Lisas "untrüglichem Gespür", ihrer "Wandlungsfähigkeit", ihrem "direkten Zugang zum Gemüt", ihrem "atmosphärisch dichten" und "betörenden" Gesang, kurzum: von einem "Versprechen auf die Zukunft". Bei so viel Lob tut Abstand manchmal gut. Für Lisa geht es jetzt erst einmal für ein halbes Jahr nach Neuseeland. Dann wartet die Oberstufe am HGT Und irgendwann der nächste "Jugend musiziert"-Wettbewerb. Sechs Jugendliche aus der Region Trier hatten 2011 den Sprung zum Bundeswettbewerb geschafft. Jährlich bewerben sich rund 20 000 Talente auf regionaler Ebene, nur jeder zehnte schafft die Qualifikation für den Bundeswettbewerb. Dort vergibt eine Jury nach einem Vortrag aus Pflicht- und Kür-Stücken Punkte. 25 und 24 Punkte bedeutet einen ersten Platz, 23 und 22 einen zweiten, 21 und 20 einen dritten. Auch 19 bis 17 Punkte gelten noch als "sehr guter Erfolg". Weitere Platzierungen aus der Region: Carolin Welter (Mehring) und Valentin Bastgen (Kesten) als Posaune-Duo Platz 3, ebenso der Sänger Jan Löhr aus Trier. "Sehr gut" für die Pianistinnen Natalja Lansch (Aach) und Alina Kausch (Konz).