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Die Unbeugsame und die Uneinsichtige

Die Unbeugsame und die Uneinsichtige

Zwei Frauen, ein Land, zwei Welten: Dietrich und Riefenstahl. Die eine wollte mit den Nazis nichts zu tun haben und wurde nach dem Krieg von den Deutschen geschmäht. Die andere biederte sich bei ihnen an und erlebte späte Karrieren.

Trier. Die Berliner Stadtteile Schöneberg und Wedding könnten unterschiedlicher nicht sein: Dort wohnen die wohlhabenden Großbürger, hier dominiert das Arbeiter- und Halbweltmilieu. Dort wird Maria Magdalene von Losch am 27. Dezember 1901 in eine Offiziersfamilie hineingeboren, hier kommt am 22. August 1902 Helene Amalia Bertha Riefenstahl zur Welt, Tochter einer Näherin und eines Klempners. Beiden Frauen, die einander kaum kennen (wollen), ist gemein, dass sie der Enge ihrer Herkunft, der bourgeoisen ebenso wie der proletarischen, unbedingt entkommen wollen.
Flucht vor der Herkunft


Die Dietrich bricht bewusst mit den gesellschaftlichen Konventionen und geht zum Theater. Auch Riefenstahl ist sich darüber im Klaren, dass sie nur über die Kunst ihrer Kleinbürgerlichkeit entfliehen kann. Leider ist ihr Tanztalent mittelmäßig, da hilft auch der Unterricht von Mary Wigman nicht, und ihre Schauspielkunst ist auch nicht der Rede wert.
Auch Marlene Dietrich hat nicht das Zeug zur großen Tragödin, aber das Glück, dass Josef von Sternberg ihr den Weg zum Weltruhm pflastert. Bei Leni Riefenstahl ist es der Regisseur Arnold Fanck, der mit monumentalen Bergfilmen die ästhetischen Bedürfnisse der Nazis befriedigt. Von ihm lernt sie das Handwerk hinter der Kamera, und von seinem "Berg des Schicksals" und "Der heilige Berg" ist es nicht mehr weit bis zur Ästhetik von "Triumph des Willens", der dem "Führer" so gut gefällt, dass er ihr für ihren Olympiafilm die gigantische Summe von zwei Millionen Reichsmark bewilligt; 250 000 davon streicht sie als Honorar ein. Damit dürfte Riefenstahl zu den reichsten Frauen im "Dritten Reich" gehört haben.
Auch Dietrich verdient in diesen Jahren viel Geld, gibt es aber sofort wieder aus. Zeit ihres Lebens klagt sie über Finanzprobleme. Riefenstahl dagegen wird bis zu ihrem Tod sehr luxuriös leben. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit wird sie hofiert für ihre Bildbände über das Volk der Nuba, die sie in der gleichen Ästhetik wie die Sporthelden von 1936 zeigt. Mit 100 Jahren begibt sie sich noch auf strapaziöse Tauchreisen, macht Ausstellungen, gibt Interviews. "Riefenstahl ist die ewige Jubilarin des deutschen Feuilletons ... Gerne dient sie als Beleg für das untergründige Fortwirken des Nationalsozialismus", schreibt Karin Wieland.
Zwei Jahrhundertfrauen


"Dietrich & Riefenstahl - Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen" hat die Autorin ihre Doppelbiografie der beiden Künstlerinnen genannt. In der Taschenbuchausgabe fehlt der Untertitel, der bei Erscheinen der gebundenen Ausgabe noch für Kritik sorgte: "Der Traum von der neuen Frau". Das klingt emanzipatorisch-feministisch, doch diesen Anspruch können beide nicht erfüllen. Ihr Traum beschränkte sich, schlicht gesagt, auf Berühmtheit und Reichtum. Allenfalls Riefenstahl kann man zugutehalten, dass sie sich in einer Männerdomäne, der Filmregie, einen Platz eroberte.
Wieland schneidet die beiden Lebensläufe wie eine Filmerzählung gegeneinander und nutzt geschickt das Mittel des "Cliffhanger": Wenn es spannend wird, wechselt sie von Riefenstahls Leben zu Dietrichs und umgekehrt. So liest sich das Buch recht flott - wer kein Fußnotenfetischist ist, wird dann auch gern auf das lästige Blättern zu den mehr als fünfzig Seiten Anmerkungen im Anhang verzichten, die von Wielands ausführlicher Sucharbeit in Archiven zeugen.
Doch der Aufwand steht in keinem rechten Verhältnis zum Ergebnis. Mit sensationellen Neuigkeiten kann die Autorin nicht aufwarten; das Leben beider Diven ist bereits hinlänglich durchleuchtet worden. Die Zitate aus dem Briefwechsel Dietrichs mit ihrem Schattenehemann Rudolf Sieber erschöpfen sich in Banalitäten; der Austausch mit Freunden wie Erich Maria Remarque oder Jean Gabin bringt Intimes zutage, das kaum von öffentlichem Informationswert ist.
Für Kunst und Schönheit


Riefenstahl dagegen wird Teil des internationalen Jetsets, schließt Freundschaft mit Bianca und Mick Jagger, verkehrt mit Francis Ford Coppola, Henry Kissinger, Tom Cruise und Sophia Loren. Von jüdischen Kollegen, die sie in der Nazizeit gemieden oder angeschwärzt hat, spricht sie plötzlich als alten Freunden; mit Hitler hat sie angeblich immer über Kreuz gelegen: "Mit Auschwitz, Konzentrationslagern und Tod will sie nichts zu tun gehabt haben. Sie war für die Kunst, die Schönheit und den Führer zuständig" - in dem Sinne, dass sie ihn dokumentarisch-distanziert für die Nachwelt festgehalten hat.
"Leni Riefenstahl ist die einzige Künstlerin der Nazis, die in der Nachkriegszeit nichts von ihrer Berühmtheit eingebüßt hat." Warum das so ist - das vermag Wieland in der gründlich aufgearbeiteten Doppelbiografie leider nicht zu erklären. Vielleicht lag es daran, dass Riefenstahl bis zum Ende eine elegante, eloquente und selbstbewusste Frau geblieben ist - ein Charakter, den man so überhaupt nicht mit dem tumb-dumpfen Nazimilieu in Verbindung bringen würde. Ihre neuen Freunde scheinen das zu glauben und sonnen sich in der Geschichts-trächtigkeit, die sie umgibt. Ein Missverständnis, das Riefenstahl offensichtlich geschickt zu ihrem Vorteil auszunutzen wusste.
Karin Wieland, "Dietrich & Riefenstahl. Die Geschichte zweier Jahrhundertfrauen", Deutscher Taschenbuchverlag München, 624 Seiten, 14,90 Euro.