Die Vertreibung aus dem Paradies

Die Vertreibung aus dem Paradies

Eine Opernproduktion, die szenisch wie musikalisch höchsten internationalen Ansprüchen gerecht wird: Einen solchen Leckerbissen bot das Grand Théâtre Luxemburg am Wochenende mit zwei gut besuchten Vorstellungen von Wagners "Parsifal".

Luxemburg. Was für ein kühner Entwurf: Die Bühne von Henrik Ahr ist eine halbrunde, gefühlt bis unters Dach reichende Apsis in blankem Weiß. Keine Bauten, die Requisiten auf ein Minimum verknappt. Der Rest ist ein Rausch aus wechselnden Farben (Licht: Stefan Bolliger), die den atmosphärisch dichten Rahmen für die verschiedenen Ebenen der Handlung schaffen.
Alles beginnt mit einem Kuss


Alles beginnt, wie bei Adam und Eva, mit einem Kuss: Kundry, die Wanderin zwischen den Welten, liebt Amfortas, den zur Enthaltsamkeit verpflichteten König der Gralsritter. Prompt strömen Blutstropfen die blütenweißen Wände hinunter, bilden Adern-Geflechte, werden zum Gegenstand des Abscheus wie der Verehrung, zu Spendern des Lebens wie Boten des Todes. Sie tauchen im Laufe der Oper immer wieder auf, wenn es um Fragen von Schuld und Sühne geht.
Die Vertreibung aus dem Paradies folgt auf dem Fuß: Es entsteht die brutale, sture Männerwelt der Gralshüter, die so unbeweglich und verknöchert ist, dass ihre wichtigsten Köpfe wie Ritter Gurnemanz im Rollstuhl sitzen. Und die sehnsüchtige Frauenwelt der Blumenmädchen, an der Spitze mit dem Zauberer Klingsor, ein buchstäblich entmannter Mann.
Parsifal, der jugendlich-naive Held, könnte die Welten vielleicht wieder vereinen. Aber letztlich ist er zu schwach, um die Verhältnisse wirklich zu ändern. Er verschwindet am Ende in der überdimensionierten Königs-Uniform, Amfortas und Kundry sterben unvereint.
Was Regisseurin Tatjana Gürbaca da auf die Bühne bringt, stimmt nur bedingt mit der Parsifal-Inhaltsangabe in handelsüblichen Opernführern überein. Aber es ist eine fast immer plausible, klug durchdachte, intelligent umgesetzte Lesart. Und sie passt präzise zu der unprätentiösen, sorgfältigen, zügigen, farbenfrohen musikalischen Interpretation von Dirigent Eliahu Inbal und dem in Bestform befindlichen Orchestre Philharmonique du Luxembourg. Da wird nicht zelebriert, da wird genau hingehört und -geschaut.
Und welch eine Besetzung. Susan MacLean als Kundry verleiht der Aufwertung ihrer Rolle die angemessene darstellerische Dimension, mit einer überbordenden Fülle fein beobachteter Details und einer souveränen stimmlichen Beherrschung aller Ausdrucksformen vom Flüstern bis zum Schreien.
König des dunklen Stimmfachs


Georg Zeppenfeld wird seinem Ruf als König im dunklen Stimmfach in jeder Sekunde gerecht. Ein Bass, der vereint, was sonst unvereinbar scheint: Wuchtige Durchschlagskraft und eine Schönheit des Timbres, die im Publikum manch selig-leises Aah und Ooh hervorrufen.
Zoran Todorovichs Parsifal: ein sehr gründlich ausgearbeitetes Rollen-Debüt, mit einer sprachlichen Ausdrucksfähigkeit, die staunen macht, und einer ausdrucksvollen, am italienischen Fach geschulten Stimme, die freilich stellenweise an ihre Grenzen gehen muss. In den weiteren Partien, an der Spitze Werner van Mechelens Amfortas, durchweg gute, rollendeckende Besetzungen.
Am Ende ein für Luxemburger Verhältnisse geradezu temperamentvoller Jubel, vor allem für Zeppenfeld, MacLean und den Dirigenten samt Orchester. Ein vereinzeltes Buh für das Regieteam reicht, um weitere Bravo-Rufe zu mobilisieren.