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Die wahren Freuden im alten Rom

Die wahren Freuden im alten Rom

TRIER. Einige Messerstiche - und es war vollbracht: Im Amphitheater in Trier verfolgten fast 1700 Zuschauer das Shakespeare-Drama rund um "Julius Caesars" Tod. Ein Publikumserfolg für die Schauspiel-Premiere der sechsten Antikenfestspiele - künstlerisch leider ein Abend von schwankendem Erfolg.

Bei Shakespeares Stücken könne man im Theater die Augen schließen und sich nur an den wunderschönen Sätzen erfreuen, sagte eine Kennerin des englischen Erfolgsautors kürzlich. Recht hat sie. Wer eines seiner Werke in Szene setzt, geht kein großes Risiko ein, denn seine genialen Texte überdauerten Jahrhunderte und inszenieren sich fast von alleine. Das gilt auch für sein Drama "Julius Caesar", das im alten Rom spielt und seiner geradlinigen Struktur und seiner berühmten Passagen wegen dies durchaus bestätigt, wenn es auch nicht zu Shakespeares brillantesten Werken zählt. Doch auch eine Shakespeare-Inszenierung birgt Risiken, zumal wenn sie openair in einem weitläufigen Amphitheater wie bei den Antikenfestspielen in Trier über die Bühne geht. Da muss die Dramatik große Distanz zum Publikum zurück legen - das hat sie in der Trierer Inszenierung nicht immer während der mehr als zwei Stunden dauernden Aufführung geschafft. Regisseur Achim Thorwald, Generalintendant des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, hat ein Stück mit viel Aktion inszeniert, das die Architektur der Spielstätte geschickt mit einbezieht, in dem es leisere Szenen jedoch schwer haben. Da ist so manches groß gemeinte Wort in der milden Luft des Sommerabends verpufft. Die problematische Akustik (bei einer Freiluftveranstaltung solcher Größe sind Mikrofone und Lautsprecher nötig) tut das Ihre dazu. Wohl keiner der Zuschauer schleppte die wichtigste Botschaft des Dramas, das Bekenntnis zu Menschlichkeit, hinterher gerührt mit ins Festspielzelt. Viele Menschen sind an diesem Abend auf der Bühne gestorben, doch ihr Tod hat nicht immer den Eindruck hinterlassen, den er verdient hätte. Als erster stirbt der Titelheld im dritten Akt. Der Trierer Caesar Jürgen-Christoph Kamcke ist ein spröder, harter Gebieter. Es fällt nicht leicht, um ihn zu weinen. Seine Sterbeszene, als er im Kapitol erstochen wird, gehört zu den eindringlichsten der Weltliteratur, denn schwerer können keine Worte auf einem Gewissen lasten als seine letzten: "Auch du, mein Brutus." In Trier werden sie von den Lautsprechern wieder zur Bühne zurückgeworfen und treffen nicht ins Herz. Ein Paar unter Beziehungslosen

 Marc Anton (Ralf Bauer) beklagt Caesars Tod. Foto: Friedemann Vetter
Marc Anton (Ralf Bauer) beklagt Caesars Tod. Foto: Friedemann Vetter
 Portia (Nadine Kettler) und Brutus (Andreas Ramstein) im Gespräch. Foto: Friedemann Vetter
Portia (Nadine Kettler) und Brutus (Andreas Ramstein) im Gespräch. Foto: Friedemann Vetter

Selbst vorher in einer der zwei Paar-Szenen behält Caesar seine raue Schale: Seine Frau Calpurnia will ihn nach einer vorahnungsreichen Nacht davon abhalten, ins Kapitol zu gehen, wo ihn der sichere Tod erwartet. Leider fällt die junge Schauspielerin Pia Röver als Calpurnia neben dem gestandenen Kamcke traurig ab, die dramatische Szene verliert ihren Reiz. Wie anders das zweite Paar unter lauter beziehungslosen Verschwörern: Portia und Brutus - die beiden gehören zusammen und teilen des Lebens Prüfungen. Nadine Kettler hat nur einen kleinen, aber dafür um so nachhaltigeren Auftritt in diesem Männergemetzel. Andreas Ramstein als Brutus gehört zu den Freuden des Abends. Ein imponierender Schauspieler, sehr überzeugend in der Rolle des ehrenwerten Mörders, der sich nicht aus Egoismus, sondern zum Staats- und Bürgerwohl gegen Caesar wendet. Sein Umhang ist blau. Die bösen Verschwörer tragen Überwürfe in Schwarz. Die Guten in Weiß. Das ist ein wenig Farbsymbolik für Anfänger - egal, eine Openair-Veranstaltung dieser Größe muss mit klaren, weithin sichtbaren Elementen Übersicht schaffen (Kostüme: Ute Frühling). Welche andere Farbe als grau wäre in dieser Logik also geeigneter für die Bürger Roms? Sie rufen heute Ja und morgen Nein und zahlen ihre Formbarkeit mit ihrem Leben. Keine Stelle dieses Stückes macht dies deutlicher als die berühmte Rede des Marc Anton, ein Meisterwerk der Rhetorik. Als Film- und Fernsehschauspieler Ralf Bauer zu dieser Rede ausholt, kommt wieder Freude auf: Endlich geht es ab in Rom und im Stück. Er spricht - leider durch eine Erkältung stimmlich sehr angeschlagen - mit schönem Pathos und glaubhafter Ergriffenheit, genau die richtige Weise, die Bürger Roms in einen tosenden Mob zu verwandeln. Ihr Hass ist so diffus, dass sie statt Caesars Mörder zu rächen die große Statue des Pompejus stürzen. Sie bildet die Kulisse über den großen schwarzen Treppen im Amphitheater (Bühnenbild: Christian Floeren). Erinnerungen an die Bilder dieses Jahres aus Bagdad sind sicher nicht zufällig. Doch Saddam Husseins demontierte Statuen gaben nicht den Blick in den hohlen Bauch einer Theaterrequisite frei - ein fast aufdringlich wirkender Aktualitätsbezug. Eine weitere Freude des Abends ist Klaus-Michael Nix als Cassius, ein Ober-Verschwörer. Dieser Cassius ist ein Meister der Überredung und der Undurchsichtigkeit - von ihm würde selbst eine alte Dame einen Gebrauchtwagen kaufen. Neben Nix stehen in diesem personenreichen Stück viele Kollegen des Trierer Ensembles auf der Bühne: Manfred-Paul Hänig, Reinhard Bock, Michael Rasche, Markus Angenvorth, Peter Singer, Hans-Peter Leu, Tim Olrik Stöneberg und weitere Gäste. Durch großes Engagement glänzen die zahlreichen Laiendarsteller, die sich nicht nur als Mob ins Zeug legen, sondern als Bürgerkriegssoldaten das ganze Rund des Amphitheaters mit seinen begrünten Rängen und vielen Treppen erkraxeln und damit wahrlich Einsatz zeigen. Einer von ihnen betont später, wie sehr die Statisten Regisseur Achim Thorwald schätzten. So waren beim Schlussapplaus die Beifallsstürme für den Regisseur aus den Reihen der Statisten groß. Das Publikum applaudierte insgesamt freundlich. Letzte Vorstellung: 16. Juli, 20.30 Uhr, Karten: (0651) 718-18 18. Special Antikenfestspiele