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Die Wandlungs-Künstlerin

Die Wandlungs-Künstlerin

SCHWEICH. Mit "Liedern des 20. Jahrhunderts" begeisterte die Trierer Sängerin Eva-Maria Günschmann das Publikum in der voll besetzten Synagoge Schweich. Die Mezzosopranistin, sonst im Theater zu Hause, widmete sich eher selten vorgestellten Werken.

Der Liedgesang gehört nicht zu den massenwirksamsten Künsten im Lande. Und wenn man dann noch statt Schubert und Schumann zu Klassikern der Moderne greift, bleiben die Säle bisweilen recht leer. Aber der Ruf von Eva- Maria Günschmann, gefeierte Mezzosopranistin am Trierer Theater, reicht offenbar aus, um zahlreiches Publikum selbst ins ferne Schweich zu locken - trotz des eher sperrigen Programms. Wer kam, wurde mit vorzüglicher Gesangskultur und spannenden Entdeckungen belohnt. Vier Liedersammlungen aus völlig unterschiedlichen Kultur- und Sprachkreisen: Wer so etwas im Rahmen eines einzigen Konzerts bewältigen will, muss über außergewöhnliche Wandlungsfähigkeit verfügen. Bei Eva-Maria Günschmann steht die Breite der stimmlichen Gestaltungsmöglichkeiten der Vielfalt ihrer darstellerischen Fähigkeiten in keiner Weise nach. Für Rimsky-Korsakovs gepflegte Melancholie etwa dunkelt sie die Stimme ab. Im Zusammenspiel mit Christoph Günschmanns souveräner Begleitung entsteht ein Gefühl von Sehnsucht und Erdenschwere, das man auch versteht, wenn man der russischen Sprache nicht mächtig ist. Dann ein enormer Kontrast mit Benjamin Brittens England-Liedern "On this Island" nach Texten von W.H. Auden. Wortbetont, fast chansonnesk, mal mit kummervollem Lamento wie barocke Lautenmusik, dann wieder geradezu kabarettistisch. Da sitzt die Stimme ganz weit vorn, da wird der Text präzise herausgearbeitet. Aber es ist noch ein Rest Attitüde spürbar, ein Zugriff vom Kopf her. Bei Gabriel Faurés französischen Liedern ist die Sängerin dann ganz bei sich, frei, hoch emotional. Vor allem "Nach einem Traum" zu einem Text von Romain Bussine gerät mit seinen Gefühls-Ausbrüchen zu einem Glanzstück. Die Entdeckung des Abends liefern aber Alberto Ginasteras selten interpretierte "Cinco canciones populares", Lieder nach argentinischen Volksweisen. Ginastera, der in den 70er-Jahren sogar Rock-Giganten wie Keith Emerson beeinflusste, ist hierzulande wenig bekannt - und wenn, dann nicht als Liederkomponist. Leider. Denn da sind tolle, rhythmisch vertrackte Tänze, die Günschmann singt, aber auch zwei wunderbare Liebes- und Wiegenlieder, bei denen melodischen Gesangslinien im Stil eine Verismo-Arie reizvoll mit einer kommentierenden Klavierbegleitung kontrastieren. Da tupft Christoph Günschmann faszinierende moderne Akzente in das Klang-Gemälde und wird so dem eigenen, im Programmheft erhobenen Anspruch der Gleichrangigkeit von Gesang und Klavier gerecht. Ginasteras Lieder gibt es übrigens in einer schönen CD-Aufnahme der aus Argentinien stammenden, in Europa lebenden Opernsängerin Bernarda Fink. Eva Maria Günschmann steht ihr in nichts nach. Das Publikum dankte mit intensivem Beifall.