"Die Wasser sind trüb und verdorben"

"Die Wasser sind trüb und verdorben"

Ganz ohne Effekthascherei, dabei kunstvoll und eindringlich wie selten: Anne Teresa Keersmaekers ausverkauftes Tanztheater "En Atendant" beeindruckt am Samstag in Luxemburg.

Luxemburg. (er) Es beginnt mit einem Ton, der so lange auf der Querflöte variiert wird, bis der ganze Atem verbraucht ist. Dann kommen die Tänzer und aus dem Ton werden Schritte und Gesten. Noch etwas später erhebt sich eine Stimme, die ein vertontes Gedicht aus dem 14.Jahundert vorträgt: "En Atendant" - Warten. Wie die Figuren und Säulen einer gotischen Kathedrale strebt Els van Laethems schlanker glockenreiner Sopran zum Himmel und ist dabei doch voll Innerlichkeit und Poesie. Dass er endlich zum Brunnen mit reinem Wasser gelangt, darauf wartet der Dichter. Denn die Wasser der Zeit sind "trüb und verdorben".

Philipus de Casertas Gedicht ist eine Allegorie, ein Bild vom verheißenen Land, der Gegenentwurf zu einer Zeit, in der die Pest Europa verwüstete. Dem Sopran gesellen sich zwei weitere Stimmen zu, eine Oboe und eine alte Viola.

Die mittelalterliche Ars Subtilior hat die flämische Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker neu entdeckt und daraus mit ihrer Truppe Rosas ein eindrucksvolles Tanztheaterstück geschaffen. Die "Ars subtilior" ist eine höfische polyphone Musik aus Frankreich und Italien, voller Dissonanzen, fast experimentell für zeitgenössische Ohren. Aber es ist auch eine Musik von ungeheuerer geradezu mystischer Schönheit. Keersmaerker, die seit langem platte Effekte und choreografische Marktschreierei im Tanztheater beklagt - "die Leute verwechseln simpel und ursprünglich" - hat in Luxemburg ganz ohne Bühnenbild, aufwändige Beleuchtung und solistische Extravaganz, einzig zwischen Hell und Dunkel, mit der ihr eigenen Präzision Schritt und Bewegung auf Ton um Ton gesetzt. Dabei sind großartige Bilder von den Leiden und den Bedrängnissen der Wartenden entstanden. Die Körper der Tänzer sind selbst Poesie, wunderbare Bilder von Angst, Sehnsucht und menschlicher Blöße.

Als sei er aus einer mittelalterlichen Kreuzesabnahme gefallen, liegt am Ende verkrümmt ein nackter Körper am Boden, ein anderer verschwindet wie eine Schwarz-Weiß Zeichnung in der fallenden Bühnennacht. Ein Abend voll seltener Eindringlichkeit. Trotzdem einige "Buhrufe" bei viel Beifall.

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