1. Region
  2. Kultur

Die X-Diaries einer Fledermaus

Die X-Diaries einer Fledermaus

Die kleine, freie Compagnie Opera mobile bestätigt mit ihrer aktuellen Produktion einmal mehr ihren Ruf als innovativstes Musiktheater der Großregion. Ihre Version der "Fledermaus" kommt so frisch wie frech über die Rampe - und begeistert das Publikum im Kulturzentrum Cape Ettelbrück.

Ettelbrück. Nanu. Eine Fledermaus ohne Wiener Schmäh, ohne Gefängnis samt Wärter und Direktor, ohne Prinzen und Bälle? Geht nicht. Geht doch! - Das darf man nach der bejubelten Premiere ohne Abstriche sagen.
Der junge Regisseur Sebastian Welker (30) neigt zum Understatement, wenn er im Programmheft von "einigen Überraschungen bezüglich des bekannten Ablauf des Stückes" spricht. Er hat kaum einen Stein auf dem anderen gelassen, was den äußeren Handlungsrahmen angeht. Die Anzahl der Akteure ist auf das Wesentliche verknappt, und das Ambiente des Strauß\'schen Intrigantenstadels radikal ins Heute verlegt. Der Hauptteil der Handlung spielt nicht auf dem Ball des Fürsten Orlowsky, sondern in einem gleichnamigen All-Inclusive-Club auf einer heruntergekommenen Trauminsel. Der Besitzer - hinreißend gespielt und wuchtig gesungen von dem Sopranisten (!) Onur Abaci - ist eine tuntige Koksnase, der eine oder andere Ballermann-Hit klingt an, und überhaupt wirkt die ganze Truppe, die sich dort einfindet, wie die Besetzung von X-Diaries oder irgendeiner anderen Pseudo-Doku-Soap im deutschen Unterschichtenfernsehen.
Potenzial für jüngeres Publikum


Interessanterweise gelingt es Welker, all die betrogenen Betrüger aus der Original-"Fledermaus" als menschliche Typen glaubhafter und überzeugender auf die Bühne zu bringen als manch konventionelle Inszenierung. Das Ehepaar Eisenstein stumpft im Ehealltag auf ein desinteressiertes Nebeneinander ab, das Stubenmädchen Adele ist eine polnischstämmige Putzfrau, die von einer Künstlerkarriere träumt. Der Regisseur nimmt seine Figuren, allem gekonnten Slapstick zum Trotz, ernst. Und so fällt das finale Loblied auf den Champagner keineswegs fröhlich aus, sondern klingt eher wie der (vergebliche) Versuch, nach den im Wortsinn ernüchternden Erfahrungen der großen Sause wieder zum Alltag zurückzukehren.
Derartige Komik mit Tiefgang gelingt nur, wenn man exzellente Akteure hat. Zumal das Bühnenbild lediglich in einer Art Laufsteg plus sparsamen Requisiten besteht. Aber Welker und Opera-mobile-Chef Jonathan Kaell haben versierte Sänger-Schauspieler engagiert, die den schrägen Bilderbogen mit sichtlicher Spielfreude und stimmlicher Souveränität aufblättern. Anne Kathrin Fetiks koloraturgewandte Adele, Nelly Palmer als differenziert singende Rosalinde, Adam Sanchez als ausdrucksstarker Eisenstein, Harrie van der Plas als selbstironischer Alfred, Marek Reichert als Ober-Intrigant Dr. Falke: Da passt alles. Das gilt auch für die musikalische Seite. Ganz abgesehen von dem Umstand, dass Jonathan Kaell und das Orchestre de Chambre du Luxembourg augenzwinkernd bei vielen Regie-Späßen mitwirken: Die kleine Besetzung - die Streicher etwa sind auf fünf reduziert - und die Platzierung auf der Bühne erlauben es, eng und flexibel mit dem Geschehen zu interagieren.
Kein Gastspiel in Trier geplant


Operette ohne Schmäh, auf das Wichtigste konzentriert, frische Bilder (Ausstattung: Julia Przedmojska) statt plüschiger Ästhetik: So könnte diese aussterbende Kunstform vielleicht noch einmal beim U-40-Publikum andocken. Leider wird die "Fledermaus" diesmal nicht in Trier gastieren, die Opera mobile nimmt offenbar Rücksicht darauf, dass das Trierer Theater dasselbe Stück ab November ins Programm nimmt. Schade, der Vergleich wäre sicher reizvoll gewesen.
Wer Lust hat, kann sich die Produktion aber am 8. Februar im Trifolion Echternach oder am 22. Juni in der Illipse Illingen ansehen. Trierer Theaterbesucher dürfen sich dennoch auf eine Begegnung mit Regie-Supertalent Welker freuen: Er inszeniert am Stadttheater im Januar die zeitgenössische Oper "Die Fliege".