Die Zukunft der Vergangenheit - Deutsche Band Kraftwerk spielt zwei Stunden in Luxemburg

Konzert : Die Zukunft der Vergangenheit - Deutsche Band Kraftwerk spielt zwei Stunden in Luxemburg

Die Mensch-Maschine läuft auf Touren: Kraftwerk zählen zu den wichtigsten deutschen Bands der Musikhistorie. Warum, zeigten sie in Luxemburg.

Das „Spacelab“ sieht wie ein Ufo aus, es dreht seine Bahnen, nimmt Kurs auf Luxemburg – und landet gleich neben der Abtei Neumünster. Beobachtet von 3000 Menschen. Viele von ihnen tragen vorher verteilte 3D-Brillen aus weißer Pappe. Es gibt lauten Szenenapplaus im Innenhof der ausverkauften Abtei für das in die Visualisierung eingebaute Lokalkolorit. Vom Endsechziger im Kraftwerk-Shirt, vom dreijährigen Jungen auf Vaters Schulter, von der 20-jährigen Clubgängerin, alle in direkter Umgebung – Jubel für die vier Herren, die im hautengen fluoreszierenden Ganzkörper-Gitter-Outfit vor der 3D-Wand an ihren Pulten stehen: Ralf Hütter, das einzige verbliebene Gründungsmitglied der Elektro-Pioniere Kraftwerk. Daneben Fritz Hilpert, Henning Schmitz und Falk Grieffenhagen.

Ganz am Ende des zweistündigen Konzerts, bei Music Non Stop, verlassen die Musiker einzeln die Bühne. Bis nur noch Hütter bleibt, sich verabschiedet, und die Zuschauer mit den letzten Textzeilen des Abends in die Nacht entlässt: „Es wird immer weitergehen – Musik als Träger von Ideen.“

Sie sind noch immer weitergegangen, Kraftwerk, weiter als die anderen. Zum einen musikalisch - auch wenn die Relevanz von Kraftwerk im Ausland oft stärker gewürdigt wird als in Deutschland. Der New Musical Express bezeichnete die 1970 in Düsseldorf gegründete Gruppe mal als „wichtigste Band der (Pop-)Musikgeschichte neben den Beatles“. Wem das zwei Nummern zu groß erscheint: Viele elektronische Genres würde es ohne die Ideen von Kraftwerk und Alben wie „Die Mensch-Maschine“ (1978) oder „Computerwelt“ (1981) nicht in der heutigen Form geben – das gilt nicht nur für Techno oder House: Kraftwerk hat auch die Entwicklung des Hip-Hop beeinflusst.

Das ist erst einmal nur die Zukunftsmusik von gestern. Nicht alle musikalischen Wegbereiter von einst altern gut. Manches verstaubt, anderes rettet nur die Verklärung. Aber Kraftwerk hat heute noch eine Ausstrahlung, der man sich schwer entziehen kann. Weil die Band stilsicher ist, ikonenhaft, weil der Sound glasklar ist (auch wenn der Bass bei anderen Konzerten schon mal stärker von der Leine gelassen wurde als im Abtei-Innenhof). Weil sich Kraftwerk inszenieren kann, als große Kunst, was auch berechtigt ist: So feierte der 3D-Katalog – die Gesamtwerkschau – vor sechs Jahren Premiere im New Yorker Museum of Modern Art.

Nicht zuletzt deshalb, weil Kraftwerk thematisch immer einen Schritt voraus war: In „Computerwelt“ wurde schon eine Überwachung durch Technik thematisiert, als in der bundesdeutschen Gegenwart noch die elektrische Schreibmaschine das Maß der Moderne war. „Radio-Aktivität“ – in Luxemburg wie andere Stücke in der englischen Fassung zu hören – ist 45 Jahre alt, zwischen den Textpassagen sind Morsecodes zu hören. Seit Anfang der 90er fügt Hütter ein „Stoppt ...“ dazu – und verweist auf Tschernobyl, Sellafield und inzwischen auch Fukushima. Das alles mag man Retrofuturismus nennen. Wie die 3D-Visuals, wo der VW Käfer mit Kennzeichen D-KR 70 die „Autobahn“ entlangfährt. Wo Kraftwerk ist, ist heute. Unscharf wird’s nur, wenn man die Brille absetzt – oder sich nicht auf die Band einlassen will. Zu den Höhepunkten des Best-of-Programms zählen „We are the Robots“, das die vier Kraftwerker selbst aufführen – und nicht, wie in der Vergangenheit immer wieder mal, von Roboter-Puppen. Und auch die Auszüge aus dem Album „Tour de France“. Nicht nur, weil die Tour gerade läuft und Hütter ein begeisterter Fan ist. Sondern auch, weil gerade dort die Anstrengung, die Strapazen, das Ächzen zu hören sind. Ist schließlich auch mal Mensch, die Kraftwerk-Maschine.

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