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Die zwei Seiten des Nickels

Die zwei Seiten des Nickels

Zwischen heißer Fanliebe und ätzender Kritik: Kaum eine erfolgreiche Rockband polarisiert so stark wie Nickelback. Eine kleine Inventur nach dem ausverkauften Auftritt der Kanadier in der Rockhal Esch.

Esch/Alzette. (AF) Da steht sie also, die schlechteste Band der Welt: Nickelback. Das ist nicht die Überzeugung des Autors. Es ist vielmehr die Meinung etlicher Leser des britischen Musikmagazins "The Word". Dort wurden die kanadischen Grunge-trifft-Mainstream-Rocker kürzlich mit riesigem Vorsprung zur übelsten Band gewählt. Bei vielen Musik-Scharfrichtern löst schon das bloße Nennen des Namens kollektiven Beißreflex aus. Schuldig im Sinne der Anklage: perfide Formatradio-Anbiederung, massenhafte Verbreitung dumpfer Rollen-Klischees, musikalisch grober Unfug.

Den allermeisten der 6000 Zuschauer in Esch werden solche Zeilen heiligen Zorn durch die Adern treiben. Beim 100-minütigen Auftritt hat die Band um Sänger und Gitarrist Chad Kroeger einiges dafür getan, die glänzendere Seite des Nickels (amerikanisch für die Fünf-Cent-Münze) zu zeigen.

Die Show ist in jeder Sekunde auf XXL getrimmt. Auf Stadion, auf Breitwand, auf große Geste. Zum Konzept gehören zwei Bühnen. Die kleinere liegt durch einen Steg getrennt mitten im Saal. Dazu gibt's opulente Licht- und Pyrotechnik-Effekte und einen wuchtigen Sound mit einer bis in die letzte Reihe hämmernden Bass-Drum.

Soll heißen: Nickelback verstehen sich zwar auf radiofreundliche Hymnen wie "If Everyone Cared", die Fans wie Hassern gleichermaßen Tränen in die Augen treiben können. Aber auch Metal-Elemente hat Nickelback ins Herz geschlossen. Handwerklich ist alles auf hohem Niveau. Wer in seinem Leben noch nicht genügend Drum-Soli gehört hat, bekommt bei Nickelback eins der besseren Art geboten.

Dass auch die Stimmung beim bunt gemixten Publikum gut ist - vom mitsingenden Teenie bis zum ekstatisch tanzenden 55+-Pärchen ist ziemlich alles vertreten -, dazu trägt Kroeger bei: breites Grinsen, ein paar Scherze, Publikum einbeziehen. Das mag Routine sein, hilft aber auch in Luxemburg. Nein - die weltschlechteste Band ist Nickelback definitiv nicht. Die originellste sicher auch nicht. Aber Polarisieren zu können, auch das ist Rock'n'Roll. Und da ist Nickelback ganz weit vorn.