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"Diese Rolle verändert einen"

"Diese Rolle verändert einen"

TRIER. Am Samstag steigt im Theater Trier die Premiere des Andrew-Lloyd-Webber-Musicals "Jesus Christ Superstar". Eine Traumrolle für den jungen Sänger Peter Koppelmann.

Charakter-Tenöre sind so etwas wie Außenverteidiger im Fußball: Unentbehrlich, bei jedem Spiel vertreten, aber selten im Mittelpunkt. Heldentenöre dürfen mit Stentorstimme den tragischen Heroen geben, lyrische Tenöre verführen kraft ihrer schwindelerregenden Koloraturen die Frauen reihenweise. Charakter- und Spieltenöre aber sind Diener und Soldaten, Komiker und Polizeiagenten, Lehrjungen oder, wenn's hoch kommt, Wagnersche Halbgötter. Bei den Kritikern erscheinen sie meist mit einem Halbsatz, kurz vor dem Chor und der Kostümbildnerin. Peter Koppelmann, 36, beweist seit eineinhalb Jahren als Mitglied des Trierer Theater-Ensembles, dass es auch anders geht. Selbst kleinsten Rollen verleiht er Prägnanz. Einer, der sich, anders als viele Sänger, auf der Bühne auch als Darsteller bewegen kann, der Rollen interpretiert statt sie einfach zu singen. Sein stotternder Advokat Dr. Blind in der "Fledermaus" ist ein bestechender Komödiant, seine Hexe in "Hänsel und Gretel" eine autoritäre Teufelin, sein Monostatos in der "Zauberflöte" eine Studie der unterdrückten Komplexe. Und doch bleiben es Nebenrollen. Und nun Jesus Christ, der Superstar. Gespielt von einem Sänger, der - ausgerechnet - den Beruf des Tischlers gelernt hat. Der sich selbst als "spirituellen Menschen" bezeichnet und feststellt, dass "diese Rolle einen verändert". Der in Trier schon beim Vorsingen eine Arie aus "Jesus Christ Superstar" präsentierte und damit den Job ergatterte. Da steckt mehr drin als Repertoire-Routine. Nun arbeitet er seit dreieinhalb Monaten an der Gestaltung dieser "Geschichte der Geschichten", wie er es nennt. Fährt jeden Tag bei Wind und Wetter mit dem Fahrrad von Konz, wo er mit Frau und Kind wohnt, ins Theater. Und schwärmt von der Arbeit mit dem "echten Traumregisseur" Johannes Reitmeier, den das Ensemble, wie man an jeder Ecke hört, ins Herz geschlossen hat wie kaum einen anderen Spielleiter. "Die Produktion wird ein Knaller", sagt Peter Koppelmann, der nicht so wirkt, als neige er zu übertriebener Selbstdarstellung. Dass er sein Licht unter den Scheffel stellt, kann man freilich auch nicht behaupten. Sechs Fremdsprachen und sechs Dialekte beherrscht er ausweislich der Biografie auf seiner professionellen Internet-Homepage www.peterkoppelmann.de, die detaillierte Auskünfte gibt bis hin zu Kopfumfang und Schuhgröße des Künstlers. Man braucht wohl einiges an Selbstvertrauen, wenn man einen gelernten, soliden Job an den Nagel hängt, um seine Leidenschaft zum Beruf zu machen. Gesungen habe er schon immer gern, erzählt der gebürtige Kölner, zuerst bei den Nerother Wandervögeln in der Eifel, später als Straßenmusiker. Er mag Rock und Pop der 70er und 80er Jahre - bis heute. Dann hört er Fritz Wunderlich, erlebt, "wie einer singen kann, dass es zu Herzen geht, ohne gekünstelt zu wirken". Er schmeißt das Handwerk hin, noch bevor er den erhofften Studienplatz an der Musikhochschule Hamburg erhält.Nach Trier wegen der Nähe zu Portugal

Das Risiko zahlt sich aus, Koppelmann bekommt nach dem Studium feste Engagements an der Amsterdamer Operette und im Theater Neustrelitz, gibt Gastspiele in Frankfurt, Kiel oder Görlitz. Schließlich landet er in Trier, aus einem eher kuriosen Grund: Seine Frau liebt die iberische Halbinsel, und der Weg in den Süden sei "von der Mosel aus eine Ecke kürzer als aus dem Osten". Dass er kein Siegfried oder Otello wird, ist Peter Koppelmann durchaus klar. Aber eine behutsame Ausweitung des Fachs scheint im Bereich des Möglichen, das zeigte seine Co-Besetzung als Eisenstein in der "Fledermaus". Barock-Oper würde er gerne mehr singen, ein Genre, das bundesweit im Trend liegt, aber in Trier bislang keine Rolle spielt. Doch das ist alles Zukunftsmusik. Übermorgen ist der Premieren-Tag für "Jesus Christ Superstar". Eine große Ensemble-Arbeit, bei der Sänger und Schauspieler, Klassiker und Rockmusiker Hand in Hand arbeiten. Mit einem Hauptdarsteller, der in allen Sätteln gerecht ist. Wenn das kein "Knaller" wird... Zwei Gäste sind bei der Aufführung dabei: Anna-Carolin Stein aus Frankfurt, den Trierern bereits bekannt als Anita aus der "West Side Story", wird im Wechsel mit Eva Steines die Magdalena singen. Aus Kaiserslautern kommt Andy Kuntz, der an seinem Heimathaus selbst den Jesus in Andrew Llyod Webbers Musical spielen wird. In Trier steht der Schauspieler, der mit seiner Band "Vanden Plas" bereits sechs Schallplatten aufgenommen hat, als Judas auf der Bühne. Premiere ist am Samstag, 13. März, um 19.30 Uhr im Großen Haus; Karten: 0651/718-1818.