“Meine liebe Scholle!“: Diese Stadtführung ist ganz und gar nicht gewöhnlich

“Meine liebe Scholle!“ : Diese Stadtführung ist ganz und gar nicht gewöhnlich

Vielseitiges Trier-Projekt „Meine liebe Scholle!“ startet.

Wir sind in einem jüdischen Café. Es ist das Jahr 1928. Claire Waldorff und Gertrud Schloss diskutieren darüber, wie gefährlich die Zeit ist, in der sie leben. Sie wissen, wovon sie reden. Beide sind lesbisch. Und beide Frauen wurden von den Nazis verfolgt. Die Lyrikerin Schloss wurde am Ende ermordet.

Diese kleine Theaterszene ist nur eine kurze Station in der neuen Trierer Stadtführung der Tufa „Meine liebe Scholle!“. Es soll ein alternativer, ein ungewöhnlicher Rundgang sein, und das ist er wahrhaftig. Manchmal wirkt er ein bisschen erratisch, auch, weil nicht nur Stadtführer, sondern auch wechselnde Schauspieler die Gruppe führen – immer gehetzt wirkend. Laut dem freien Regisseur Karsten Müller, der die Führung inszeniert hat, soll die Tour so improvisierter wirken.

Die Teilnehmer sollen Trier mit neuen Augen sehen. Tatsächlich sieht man Orte in der Stadt, die man sehr wahrscheinlich noch nie gesehen hat. Man bekommt nicht nur Informationen über die Stadt, sondern man erhält auch Gedankenanregungen. Zum Beispiel über den Begriff der Heimat. Im Museum am Dom rezitiert Oberbürgermeister Wolfram Leibe in einem Video einen Text von Kurt Tucholsky. „Es besteht kein Grund, vor jedem Fleck Deutschlands in die Knie zu sinken und zu lügen: wie schön! Aber es ist da etwas allen Gegenden Gemeinsames – und für jeden ist es anders.“

Eine ganz andere Station ist in der Grünen Rakete im Palais Walderdorff. Rainer Breuer und Ursula Dahm führen eine Passage aus dem Stück „Stadt am Fluss“ auf. Dazu gibt es Rosé. Das Ganze gehört zu „Crime & Wine“, einer Veranstaltung in Jacques‘ Weindepot. Ungewöhnlich ist auf jeden Fall der Besuch im Spielzeugmuseum, wo Felizia Roth eine Puppe spielt, die bei Spieluhrmusik erwacht und dazu Ballett tanzt. Hans Rudolf und Sakiko Idei erzeugen im Hof des Bischöflischen Priesterseminars fernöstliche Klänge mit einer Percussion-Vorführung.

Das ist nicht weniger interessant als der Vortrag am Antoniushaus auf dem Gelände des Generalvikariats über historische Inschriften. Sebastian Gasper, der einen blinden Arbeiter spielt, sagt in den Viehmarktthermen nicht, dass er das Gedicht von Bertolt Brecht: „Fragen eines lesenden Arbeiters“ zitiert. Er macht es einfach und lässt es wirken.

In der Simeonstraße schreien sich zwei Frauen von gegenüberliegenden Häusern an. Zur Verwirrung der normalen Passanten. Sie streiten darüber, ob man Trier lieben kann, wenn man hier nicht geboren wurde. Die Debatte schwingt immer mit, auch ironisch. Am Ende bekommt jeder Teilnehmer einen anonymen Ausweis der „Republic of Everywhere“, und alle singen die Europa-Hymne, allerdings in unverständlichen Worten.

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