Digitale Kunst in der Region Trier

Bildende Kunst : Wenn der Computer Papier und Pinsel ersetzt

Als Mittel der Gegenwartskunst ist digitale Technik nicht mehr wegzudenken. Das zeigt auch eine Ausstellung in der Richterakademie in Trier.

Als digitale Malerei bezeichnet er seine Bilder. Allerdings ist Peter Becker nicht mit Pinsel und Farbpalette unterwegs, sondern  erst mal mit seiner Digitalkamera, um seine Motive festzuhalten. Der Rest geschieht am Computer. Dort werden die Fotos mit Hilfe eines Programms zur Fotobearbeitung zu eigenständigen Kunstwerken überformt, die wie Gemälde anmuten. „Begegnungen“ heißt die Ausstellung in der Deutschen Richterakademie, die Arbeiten des emeritierten Professors für Psychologie zeigt, der sich erst seit seinem Ruhestand der Digitalen Kunst widmet. Und das mit Leidenschaft, was unübersehbar ist.

Es sind ganz unterschiedliche Begegnungen, an denen der Betrachter beim Gang durch die Bilderschau teilnimmt. Zu sehen sind Menschen, im Porträt oder als Gruppe, im Gespräch, bei der Arbeit oder – da darf man sich den digitalen Maler augenzwinkernd vorstellen – beim analogen Malen. „Als Psychologe bin ich an Menschen interessiert“, erklärt Becker. Aber nicht nur das: Die Offenheit für Begegnung des  Hochschullehrers und Autors kann man als kosmisch bezeichnen. Natur- und Blumenstücke, Tier- und Landschaftsbilder gehören ebenfalls zu seinen Motiven.

Ein Teil der Bilder ist unterwegs entstanden. Denn zur gewinnbringenden Begegnung gehören für den Künstler und seine Frau auch das nach Goethe bildende Reisen und der interkulturelle Austausch. Zu Menschen und Landschaften in der Türkei, auf Zypern, nach Madrid, aber auch in die nahe Umgebung nach Saarburg führen Beckers Bilder den Betrachter. Der genaue Blick des Psychologen für Gesichter und Haltungen kommt auch dem Künstler zugute. Im treffenden Ausschnitt und gelungenen Kompositionen bringt der digitale Maler Situationen, Stimmungen  und Befindlichkeiten auf den Punkt und erzählt vom bunten vielfältigen Leben  in Natur und Kultur. Auf den ersten Blick kann man die farbstarken, ausdrucksvollen Bilder für herkömmliche Gemälde halten. Erst beim genauen Hinschauen wird der Unterschied zur traditionellen Malerei deutlich.

Den am Computer entstandenen digitalen Gemälden fehlt es weder an Fantasie noch an Ausdruckskraft. Sie sind ebenso künstlerische Bildschöpfung und Ausdruck kreativer Vorstellungkraft wie jedes analoge Gemälde und ebenso subjektiv. Wie in jedem Kunstwerk verdichten sich auch hier Innen- und Außenschau des Künstlers. Der Anspruch der Fotografie auf malerische und künstlerische Qualität reicht bis in ihre Anfänge zurück, ebenso wie das Bearbeiten von Fotografien.

Mit der Erfindung der digitalen Fotografie haben sich dafür lediglich neue Techniken ergeben. „Alles was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert“, die Forderung  von Carly Fiorina, der Chefin von Hewlett Packard hat schließlich auch vor der Kunst nicht Halt gemacht. Wo früher  Künstler mit Pinsel und Farbe zu Gang waren, das Licht seine Spuren auf Filmen hinterließ, da entstehen heute Bilder allein aus dem Geist der Zahlen, soll heißen aus den binären Systemen  von Nullen und Einsen der Computerprogramme.

Inzwischen gibt es keine Kunstsparte mehr, von der Musik über die Bildende Kunst bis zum Theater, die nicht von der Digitalisierung profitierte. Zu Recht, wie Kay Voges findet. „Man muss die Gegenwart mit Mitteln der Gegenwart erzählen“, sagt der Gründungsdirektor der Dortmunder Akademie für Theater und Digitalität und designierte Direktor des Volkstheaters Wien. Klaus Maßem, der virtuose analoge Tuschzeichner aus der Region, der inzwischen neben der herkömmlichen auch digitale Techniken einsetzt ist da ganz bei ihm: „Es muss ja weitergehen“.

Neue Ästhetiken oder Kompositionsformen entstehen bei den digitalen Bildschöpfungen allerdings kaum. Auch digitale Kunst sattelt auf zeitgenössischen Stilen auf, auf Abstraktion, Figuration oder Pop Art. Sie nutzt die bekannten Mittel der Collage, des Ausschnitts und der Perspektive, erzeugt virtuelle Räumlichkeit und  beim Bewegtbild wie dem Video virtuelle Bewegung. Überhaupt ist die Virtualität das Wesen der digitalen Kunst. Wo bei der analogen Kunst ein enger Zusammenhang zwischen dem Werk, seiner Materialität und Fertigung besteht, ist beim digitalen Bild solcherart  künstlerische Abhängigkeit und Logik aufgehoben.

„Ein Bild ist Ding und Symbol.“ Die alte philosophische Definition hat sich für das digitale Bild erledigt. Wo ein analoges Gemälde den Pinselstrich und die Einwirkung  des Malers verrät, die Farbe mit ihren Schichten mit den Händen und Augen greifbar ist,  der malerische Duktus schon Inhalt ist und sich der Entstehungsprozess unmittelbar dem Betrachter darstellt, da ist ein digitales Bild nicht mehr als eine Rechendatei, die als solche gespeichert wird.

Die  Bilderwelt der digitalen Kunst ist eine virtuelle Welt. Erst durch den  Drucker wird sie fassbar. Der Philosoph Walter Benjamin hat in seiner berühmten Schrift „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“  den Verlust der „Aura des Originals“ beklagt. Das digitale Kunstwerk ist auf solche Reproduzierbarkeit angewiesen, um überhaupt fassbare Realität zu werden. „Wir leben in einem Zeitalter der Distribution (Verteilung) anstelle der Produktion“, hat der Medientheoretiker Peter Weibel bei einem Projekt zur Digitalen Kunst an der Universität Trier das digitale Zeitalter charakterisiert. Das gilt fraglos auch für die grenzenlose Verbreitungs- und Vervielfältigungsmöglichkeiten digitaler Bilder, die sicher nicht nur eine fragwürdige Bilderflut bewirken. Wie einst die Erfindung der Druckgrafik und der Fotografie selbst hat die Reproduzierbarkeit digitaler Bilder auch demokratische Qualität.

Zu aller Zeit wurden neue Techniken von Künstlern genutzt. Eine Besonderheit der digitalen Kunst ist, dass sie sich wie keine andere vor ihr in ihren Werken intensiv mit den gesellschaftlichen und politischen Folgen ihrer eigenen Technik in einer globalen Welt  beschäftigt. Hochaktuell sind die zahlreichen digitalen Arbeiten, in denen die Überwachungsmöglichkeiten von Menschen durch digitale Techniken thematisiert werden, oder die  Systeme der sozialen  Medien sowie die virtuellen Welten, die durch digitale Bilder entstehen. Schlussendlich: Die digitale Kunst ist ein wesentlicher, nicht mehr wegzudenkender Teil der Gegenwartskunst. Die herkömmliche analoge Kunst wird damit nicht überflüssig. Was zählt, sind unverändert nicht die Technik, sondern die künstlerische Idee, die Dringlichkeit künstlerischen Handelns und seine schlüssige Umsetzung.

Dieses Bild gehört zu einem Projekt von Peter Weibel an der Uni Trier, in dem die digitale Welt als solche der Personenüberwachung und der sozialen Medien reflektiert wird. Foto: Eva-Maria Reuther
Jeong Ho, Creative Coding, Park 3. Foto: Eva-Maria Reuther

Die Ausstellung in der Richterakademie läuft bis 3. April; Öffnungszeiten: dienstags bis donnerstags von 9 bis 16 Uhr und freitags von 9 bis 14 Uhr; weitere Infos:  www.deutsche-richterakademie.de