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Dings feiert Sonneborn

Dings feiert Sonneborn

Kleine, bösartige Nadelstiche gegen das Establishment, einen verlogenen Politikbetrieb und manchmal auch das Publikum - sie lockten am Donnerstagabend rund 250 Zuschauer in die Tufa, wo Satiriker Martin Sonneborn seine absurden Aktionen Revue passieren ließ.

Trier. Wie auch immer es gekommen ist, dass Kurt Tucholsky hier zur Norm gebenden Instanz wurde - sein Spruch "Satire darf alles" wird jedenfalls regelmäßig angeführt, wenn mal wieder ein besonders derber Scherz die Gesellschaft aufschreckt oder einen Mächtigen ärgert.
Auch Martin Sonneborn nimmt sich seit vielen Jahren so einiges heraus. Jetzt war der Ex-Titanic-Chefredakteur mal wieder in Trier - nur Stunden, nachdem ein CDU-Politiker es eigenartigerweise für eine gute Idee hielt, das schwerst debattierte Schmähgedicht von Jan Böhmermann im Bundestag zu rezitieren.
Dreist und beliebt


In "Dings", wie Sonneborn Orte in der bedauernswerten Provinz zu bezeichnen pflegt, hatte er leichtes Spiel: Seine Fans lieben ihn für seine Dreistigkeit - vor allem, weil es ihm damit unzählige Male gelungen ist, Politikerphrasen und überhaupt die Zurichtung der Gesellschaften in Deutschland und anderswo mit grandiosen Aktionen zu entlarven.
Wie schon bei früheren Auftritten beleuchtete der 50-Jährige die vielen Stationen seines Schaffens vor allem über Filmausschnitte und Fotos. Dabei stand weniger seine Zeit bei der Zeitschrift Titanic im Mittelpunkt, sondern eher die absurden Erlebnisse rund um sein Amt als Europaabgeordneter und die daraus resultierenden Aktionen.
So präsentierte er nochmal einige der Versprechen, die seine Partei ("Die Partei") einst im Wahlkampf gemacht hat: "Wenn Sie uns wählen, lassen wir die 100 reichsten Deutschen umnieten" hieß es da etwa. Diebisch freut sich Sonneborn, dass die Bild-Zeitung kurz darauf eine Liste mit den "500 reichsten Deutschen" präsentiert hat. "Das war ja wohl eine klare Aufforderung, noch aufzustocken", glaubt Sonnerborn, der es tatsächlich ins Europaparlament geschafft hat. Da sitzt er jetzt zwischen Udo Voigt und Jean-Marie Le Pen, will weiterhin "Inhalte überwinden" oder provoziert während einer Lobby-Veranstaltung von Militaristen den CDU-Politiker Elmar Brok derart, dass dieser beinahe einen tätlichen Angriff vor laufenden Kameras begeht.
Sonneborn betreibt dabei nicht nur vordergründigen Schabernack, sondern steht regelmäßig im Dienst des Humanismus und der Aufklärung - auch, wenn er nie zum moralinsauren Kabarettisten wird, sondern immer in der Rolle des Zynikers bleibt: So warnte er Ende April die türkische Regierung in Hinblick auf die Situation der Kurden, "den Deutschen in Sachen Völkermord nicht den Rang abzulaufen" - sonst müsse man "darüber nachdenken, die Drecksarbeit mit unseren Flüchtlingen jemand anderem zu übertragen".
Der entsprechende Redebeitrag im EU-Parlament wurde mehr als drei Millionen Mal im Internet angeklickt. Ebenso beliebt sind die legendären Videos aus der "Heute Show", von denen Sonneborn auch einige zeigt. Darunter das Stück, in dem sich ein Pharma-Lobbyist um Kopf, Kragen und Job redet, als er vor laufender Kamera erklärt, dass günstig kopierte Arzneien aus Fernost genauso wirksam seien wie die überteuerten Originale: "Aber das darf ich nicht sagen." Dafür darf Sonneborn alles - Tucholsky hat es ihm erlaubt. Und so verabschiedet er sich aus Dings gewohnt liebevoll-gehässig: "Ich muss ja zurück nach Brüssel und sie morgen wieder raus auf die Felder!"