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Diskussion um Reichstag und Berliner Republik - ein Essay von Frank Jöricke.

Essay : Unsere Nationalhymne war der Pop

Was hilft gegen Verschwörungstheorien und rechte Vereinnahmung bei den Corona-Demonstrationen? Jedenfalls nicht vermehrtes Absingen der Nationalhymne, findet Frank Jöricke. Den Autor nervt die Diskussion um den Reichstag und die Berliner Republik.

Als ich klein war, gab es Deutschland nicht. Der Staat, in dem ich lebte, wurde „Bundesrepublik“ genannt. In dieser nüchternen Bezeichnung drückte sich Distanz aus, und die war allzu verständlich. Dieses Land hatte, als es noch ein „Reich“ gewesen war, einen Krieg angezettelt und Millionen von Menschen systematisch ermorden lassen. Das kam im Rest der Welt nicht besonders gut an. Da hielt man als Kriegsverlierer lieber die Klappe und passte sich den neuen Zeiten an.

Und die fühlten sich gar nicht so schlecht an, zumindest im westlichen Teil Deutschlands. Denn mit den Eroberern kamen nicht nur fremde Garnisonen, sondern auch Nylonstrümpfe und Zigaretten. So manches deutsche Fräulein verliebte sich prompt in den Überbringer der heißen Ware – aus „Heil Hitler“ wurde „Hey Honey“.

Von der Vergangenheit sprach niemand mehr. Es war, als hätte es den Traum von der Weltherrschaft der „Herrenrasse“ nie gegeben. Die nationalsozialistische Rassenideologie wurde stillschweigend von kapitalistischem Entertainment abgelöst. Die Bundesdeutschen stellten fest, dass Hollywood mehr Spaß machte als Hitler. Wen interessierte da noch, dass hinter Filmen wie „Manche mögen’s heiß“ Juden standen, denen man wenige Jahre zuvor nach dem Leben getrachtet hatte!

Und dann erst die Musik! Mit den Amis kamen Swing und Rock’n’ Roll. Dazu tanzte es sich besser als zu Militärmärschen. „Rock around the clock“ statt Stechschritt. Die amerikanische Popkultur trat an die Stelle der deutschen Obrigkeitshörigkeit. Micky Maus verdrängte Struwwelpeter. Coca Cola schmeckte besser als Lebertran. Und Elvis Presleys Einfluss war stärker als der von autoritären Lehrern. Wessen Lippen sich zu „Love me tender“ vereint hatten, dem stand nicht der Sinn nach „Einigkeit und Recht und Freiheit“. Warum die Nationalhymne singen, wenn Amerika jede Woche neue elektrisierende Songs lieferte!

Das Gute daran: Man musste die Vereinigten Staaten nicht einmal mögen, um ihre Produkte wertzuschätzen. Die gleichen Studenten, die tagsüber gegen den Vietnamkrieg und den „US-Imperialismus“ demonstrierten, hörten abends amerikanische Lieder (Bob Dylan, Jimi Hendrix, Santana) und sahen amerikanische Filme („Die Reifeprüfung“, „Bonnie und Clyde“, „Easy Rider“). Auf diese Weise wurden selbst jene, die die USA ablehnten, von deren Kultur geprägt.

Und dann gab es ja noch die Engländer, die mit ihrer Musik die Jugend der 60er und 70er Jahre in den Bann zogen. Die Beatles, die Stones, Deep Purple, Led Zeppelin, Pink Floyd, David Bowie und Queen – sie alle veränderten nicht nur die Hörgewohnheiten, sondern auch die Denkweisen. Wer den Bands aus Liverpool und London lauschte, dem war Lüdenscheid plötzlich zu klein; der wollte eine andere, eine aufregendere Welt.

Die heimische Platten- und Filmindustrie hatte dem wenig entgegenzusetzen. Seit der 68er-Bewegung galten Schlager und Heimatstreifen als spießig. Sie standen für jene „verlogene“ Kultur der Eltern, von denen man sich abgrenzte. Rockbands, die ein junges Publikum erreichen wollten, verzichteten daher auf deutsche Texte. Sogar Udo Lindenberg sang auf seinem ersten, 1971 erschienenen Album noch auf Englisch.

Diese Sehnsucht nach Internationalität drückte sich nicht nur in der Wahl der Sprache aus. Junge Westdeutsche entdeckten, dass man Europa – statt mit einem Panzer –mit einem Interrail-Ticket erkunden konnte. Und mit jedem neuen Land erweiterte sich neben dem geografischen auch der geistige Horizont. Millionen Teutonen erkannten: Paris ist einfach fesselnder als Preußen.

Aus und vorbei! Seit der Corona-Demo am vergangenen Wochenende dreht sich alles um den preußischen Reichstag, um die Berliner Republik und darum, wie man diese gegen Rechtsextreme schützen könnte. Zum Beispiel, indem die „anständigen Deutschen“ Farbe bekennen – durch Lichterketten und öffentliches Singen der Nationalhymne.

Dieser zur Schau gestellte Verfassungspatriotismus ist gut gemeint, also grundfalsch. Denn anders als in Amerika, England und Frankreich ist die Demokratie in Deutschland kein Eigengewächs, sondern ein Importartikel. Die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik wäre ohne die USA nicht möglich gewesen. Erst die Amerikanisierung des täglichen Lebens machte die Bundesdeutschen immun gegen germanischen Größenwahn. Daher sollten wir, statt über die Berliner Republik zu reden und die Nationalhymne zu singen, lieber bei Burgern und Coke den Beach Boys lauschen. Denn „Good Vibrations“, das haben wir Deutsche heute nötiger denn je. Frank Jöricke