Dogmatisch spielt das dogma chamber Orchester in Wittlich nicht – das hat mit einem berühmten Regisseur zu tun.

Musik : Bloß keine Missverständnisse!

Dogmatisch spielt das dogma chamber Orchester in Wittlich nicht – das hat mit einem berühmten Regisseur zu tun.

Dogmatisch spielen sie nun überhaupt nicht, auch wenn ihr Name das zunächst vermuten ließe. Das Missverständnis ist schnell geklärt. Der Name des dogma chamber orchestra leitet sich nicht vom Anspruch absoluter, nicht hinterfragbarer Gültigkeit ab, sondern vom „Dogma 95“. Das Manifest, hatte der dänische Regisseur Lars von Trier mit Kollegen in den 90-iger Jahren verfasst – und sich damit gegen die Wirklichkeitsentfremdung des Films gewandt.

In der Wittlicher Synagoge war das Kammerorchester am Wochenende mit einem eindrucksvollen Konzert zu Gast, das seinem Namen alle Ehre machte. Als beredte Mittler zwischen gestern und heute machte das Streicher-Ensemble die historischen Kompositionen unmittelbar und gegenwärtig. Gleich eingangs bei Samuel Barbers selten gehörter Serenade für Streicher op.1 war klar, was das Spiel der Musiker prägt und aufregend macht.

In der vollen Synagoge spielten 15 Solisten, die dennoch harmonierten und es vermochten, genau das richtige Verhältnis zwischen solistischer Stimme und konzertantem Gemeinschaftsgeist zu finden. Dabei erreichte das Kammerorchester sinfonische Qualität an Kraft, Klangfülle und Masse. Eindrücklich ist zudem die enorme Klangsinnlichkeit des Ensemblespiels unter der Leitung ihres energischen Konzertmeisters Mikhail Gurewitsch. Keine Spur von kitschiger Gefühlsseligkeit: Im Spiel der Musiker wurde Sinnlichkeit zur existenziellen Frage der Musik.

Spannend ging es mit dem Amerikaner Barber und seiner Streicherserenade los. Sogleich erwies sich das Orchester als feinsinniger Interpret dieser Serenade mit den zwei Gesichtern, dem heiter-ernsten und dem schaurig schrillen. Die Widerständigkeit der Musik wurde in Felix Mendelssohn-Bartholdys Sinfonie Nr.12 in g-moll für Streicher hörbar. Das Ensemble vermittelte einleuchtend die Fugen-Struktur, machte gleichermaßen die Herkunft der Musik aus der barocken Tradition und aus der Verehrung des zwölfjährigen Komponisten für Mozart hörbar wie die Ausblicke auf den späten Mendelssohn. Mit feierlichem Ernst begann der erste Satz, wunderbar tröstlich erklang das Andante. Einen Meister der Sinnhaftigkeit wie der Feinsinnigkeit hatten die Musiker mit dem Pianisten Matthias Kirschnereit als Solisten mitgebracht. Aus Wolfgang Amadeus Mozarts tausendmal gehörtem strahlenden Konzert für Klavier und Orchester in C-Dur KV 415 machte der Poet am Klavier ein wunderbares ganz eigenes beseeltes Klangerlebnis. In geistreicher Rede und Gegenrede mit dem Orchester ließ Kirschnereit die Töne leuchten und funkeln.

Die Heiterkeit der Musik wurde zur Heiterkeit der Seele, ohne ihre düsteren Ahnungen zu verschweigen. Wunderbar empfindsam erklang die nachdenkliche intime Innenschau des Andante. „Leicht aber nicht leer“ sei die Musik schrieb Mozart über das Werk an seinen Vater, wie der Pianist vorab zitierte, eine hochaktuelle Forderung in massenmedialen Zeiten. Zum Ende: Ludwig van Beethovens Streichquartett f-moll op.95 in der Fassung für Kammerorchester. Aus dem ursprünglich kammermusikalischen Diskurs wurde im Spiel des Ensembles ein gewaltiges hochdramatisches seelisches Katastrophenszenario, durchaus ein wenig theatralisch und mit ein paar tröstlichen Momenten. Ein großartiger Abend bestätigte auch der stürmische Applaus des Publikums.

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