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Dorfchronik wird Kult

Dorfchronik wird Kult

Vor einem Vierteljahrhundert saß (fast) ganz Deutschland vor dem Fernseher und verfolgte gebannt die Geschichte eines kleinen Hunsrück-Dorfes. Die Fernseh-Serie "Heimat" sahen damals durchschnittlich zehn Millionen Zuschauer - was heute bei "Wetten, dass" als Erfolg gefeiert wird. Zum 25. Geburtstag gibt es vielfältige Erinnerungen.

Schabbach. Es konnte eigentlich nicht gutgehen, damals im Herbst 1984. 16 Stunden Dorf-Chronik aus der tiefsten Provinz, in elf Teilen, zur besten Abend-Sendezeit, größtenteils in Schwarz-Weiß, ohne große Namen, aber dafür mit vielen Laiendarstellern, gedreht von einem Alt-68er Autorenfilmer.

Sechs Wochen später war das fiktive Örtchen Schabbach das bekannteste Dorf der Republik, war die Familie Simon in all ihren Verästelungen bekannter, als es die Beimers und Fallers späterer Jahre jemals werden sollten, und Marita Breuer alias Maria Simon wurde zum einprägsamsten Fernseh-Gesicht der 80er Jahre.

Die erste "Heimat"-Staffel war das vielleicht größte Wunder der deutschen Fernseh-Geschichte. Mehr noch: Sie war Ausdruck und Motor eines großen gesellschaftlichen Wandels. Bis zum Epos von Edgar Reitz gab es nur zwei Alternativen im Umgang mit dem Begriff Heimat: Verdrängung oder Anklage. Die Kriegsgeneration hatte sich in ein verlogenes, kitschiges Heimatbild geflüchtet, das die Sünden der Vergangenheit ignorierte. Als Folge hatten sich die nachwachsenden Jahrgänge das Entlarven und Missbilligen auf die Fahne geschrieben.

Reitz' aus eigenen Lebenserfahrungen gespeiste Hunsrücker Dorfchronik bewies, dass man weder verschweigen noch verdammen muss. Sein Kunstgriff war die Konzentration auf den Mikrokosmos einfacher Leute in einem überschaubaren Raum. Er zeichnete die Welt konsequent aus der Frosch-Perspektive, behielt aber einen klaren Blick auf die großen Verhältnisse. Krise, Nazis, Krieg, Wiederaufstieg, Wirtschaftswunder: Alles fand statt in Schabbach, aber eben nach Schabbacher Maß. Und das war, wie sich herausstellte, das Maß vieler Menschen im Lande.

Mit "Heimat" überwand die Republik ein Stück Sprachlosigkeit. Großeltern und Eltern konnten ohne Gesichtsverlust über Zeiten reden, die lange ein Tabu gewesen waren. Und die Jüngeren verstanden, wie emotional eng verzahnt die ersten beiden Nachkriegsjahrzehnte mit der Zeit davor waren. Natürlich war der Zauber, den der Elfteiler entfaltete, nicht nur dem Zeitgeist geschuldet. "Heimat" war auch eines der letzten Flaggschiffe einer Film-Ästhetik, die auf Geduld, Eindringlichkeit und Ruhe setzte.

Heute erscheinen die Szenen oft fast zeitlupenartig - sie erfordern Aufmerksamkeit und Konzentration. Und ihre Authentizität wirkt nicht wie geschickt inszeniert, sondern hochgradig real.

Wie fragil der Erfolg von "Heimat" war, zeigte sich in den weiteren Staffeln, die filmisch fraglos ähnliche Qualitäten besaßen, aber die Menschen nicht mehr berührten. Die zweite Serie versank im Exoten-Status einer Minderheitenkultur revoltierender Studenten, die dritte ging als Chronik der Wende in einer Flut zeitgeschichtlicher Filme unter.

"Heimat I" aber bleibt ein Solitär, an den man sich immer wieder zurückerinnern wird. Das Pro-Winzkino in Simmern zeigt die komplette Staffel am 31. Oktober/1. November zum 77. Geburtstag des Regisseurs. Reitz hat sein Kommen angekündigt. Dieter Lintz