Drama im Norden

Seit dem Bestehen der Trierer Antikenfestspiele haben die Macher immer wieder die Notwendigkeit betont, das Festival stärker in der Bürgerschaft zu verankern. 2010 macht man Ernst: Zum Programm gehört nun ein Projekt mit dem Bürgerhaus Trier-Nord. Laien spielen das antike Flüchtlingsdrama "Die Aeneis".

Trier. Es dürfte die bislang ungewöhnlichste Vorstellung in der Geschichte der Antikenfestspiele werden, wenn am 8. Juli - aller Voraussicht nach in den Viehmarkt-Thermen - das bewegte Schicksal des Trojanischen Königssohns Aeneas auf die Bühne kommt. Es werden keine exklusiv verpflichteten Stars auftreten, auch nicht die Profis vom Trierer Theater. Es sind rund 30 Trierer Bürger, die das Stück um Flucht und Vertreibung, um Asyl und Migration auf die Beine stellen, von der Besetzung der Rollen über das Bühnenbild und die Musik bis hin zur anspruchsvollen Video-Technik.

Das Bürgerhaus Trier-Nord hat, unterstützt vom Theater, das Projekt initiiert. Schon vor Monaten hat man begonnen, nach Mitstreitern zu suchen, quer durch alle Altersgruppen, aus den verschiedensten Milieus. Manche wollen auf die Bühne, andere arbeiten lieber im Hintergrund. So wie die Jugendlichen, die mit Richard Tito, dem Leiter der Medienwerkstatt im Bürgerhaus, an der visuellen Umsetzung werkeln.

Natürlich braucht die Produktion zumindest einen Vollprofi als Regisseur. Florian Burg hat die nötige Erfahrung, sowohl mit dem klassischen Theaterbetrieb als auch mit der Laien-Arbeit.

Trotzdem schaut er heute etwas betrübt auf die kleine Schar von Akteuren, die an diesem Freitagnachmittag zur Probe gekommen ist. Aber die, die da sind, machen sich engagiert an die Text-Lektüre. Noch werden die Rollen ständig gewechselt, noch weiß keiner, was am Ende auf ihn zukommt. Manche haben seit Schülertagen kein Theater mehr gespielt, so wie die Studentin Lisa Schwabbauer. Andere können auf Erfahrungen aus der Komparserie des Theaters zurückgreifen, zum Beispiel Hejo Kessler, der sich als "Hobby-Schauspieler" bezeichnet. Wer Hexameter-Reime wie im Aeneis-Original von Vergil erwartet, muss sich freilich umstellen. Gespielt wird eine moderne Fassung des Kanadiers Olivier Kemeid, Schauplätze sind auch schon mal eine Diskothek und ein Touristenstrand. Der Kern der Handlung entspricht aber durchaus dem antiken Drama: Aeneas, seine Familie und seine Freunde müssen vor Krieg und Elend fliehen und werden längst nicht überall freundlich aufgenommen. Die Auswahl des Themas ist kein Zufall: "Das passt ideal in unseren Multi-Kulti-Stadtteil", freut sich der Leiter des Bürgerhauses, Bernd Weihmann.

Für ihn ist die lange angestrebte Zusammenarbeit mit dem Theater auch eine Art von Image-Pflege für den Stadtteil Trier-Nord, der im öffentlichen Bewusstsein in erster Linie als sozialer Brennpunkt verankert ist.

Seit Jahren beteiligt sich das Bürgerhaus an ambitionierten Kultur-Projekten wie den "Erinnerungsräumen" im Rahmen der Kulturhauptstadt 2007. Und das ganze Viertel mobilisiert mit. Die Schulen haben getrommelt, in Geschäften und Behörden hängen Plakate, Vereine bringen sich ein, sogar die Arge von Arbeitsagentur und Sozialamt hat sich reingehängt. Dass man bei den renommierten Antikenfestspielen in der ersten Reihe mit dabei sein darf, hat ebenfalls viele motiviert.

Die meiste Arbeit wird ehrenamtlich geleistet, und trotzdem mussten die Bürgerhäusler wieder einmal reichlich Fantasie bei der Beschaffung der nötigen Mittel entwickeln. Landes- und Bundes-Fördertöpfe wurden angezapft, Trierer Sponsoren und Stiftungen gaben ihr Scherflein. So stehen immerhin rund 30 000 Euro zur Verfügung - wenig für eine Theaterproduktion auf hohem Niveau, aber doch ein ansehnliches Budget, wenn man gewohnt ist, mit wenig auszukommen.

Von Florian Burg und seinem Regie-Konzept wird vieles abhängen. Was ihm vorschwebt, ist ein "Stationen-Drama", bei dem auch das Publikum wie Flüchtlinge von Schauplatz zu Schauplatz wandert. Das wäre in den Viehmarkt-Thermen gut zu realisieren. Aber die Verhandlungen über die Mietkosten sind noch nicht abgeschlossen. Hochkultur als soziales Projekt: Das ist eben kein einfaches Terrain.